Wirbellose in der Wildtierpflege
Wirbellose Tiere (Invertebrata) stellen mit über 95% aller bekannten Tierarten den überwältigenden Anteil der Biodiversität dar. In Zoos und Aquarien werden zunehmend Insekten, Spinnen, Krebstiere, Weichtiere und Korallen präsentiert. Insektarien, Schmetterlingshäuser und Korallenriffbecken bieten Besuchern Einblicke in die faszinierende Welt dieser oft unterschätzten Tiergruppen.
Die Haltung von Wirbellosen erfordert spezialisiertes Wissen, da viele Arten kurze Lebensdauern haben, empfindlich auf Umweltänderungen reagieren und häufig sehr spezifische Nahrungsansprüche stellen. Gleichzeitig sind Wirbellose essenziell als Futtertiere für andere Zoobewohner und spielen eine wichtige Rolle in Artenschutz und Bildungsarbeit.
Insekten (Insecta)
Mit über einer Million beschriebener Arten sind Insekten die artenreichste Tierklasse. In Zoos werden sie sowohl als Schautiere als auch als Futtertiere gehalten.
Schmetterlingshaus
Tropische Schmetterlingshäuser sind in vielen Zoos beliebte Attraktionen. Bananenfalter (Caligo spp.), Passionsblumenfalter (Heliconius spp.), Atlasspinner (Attacus atlas, grösster Schmetterling der Welt mit bis zu 30 cm Spannweite) und Monarchfalter (Danaus plexippus) gehören zu den häufig gezeigten Arten. Die Haltung erfolgt in klimatisierten Freiflughallen mit Temperaturen von 25-30 Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von 70-90%.
Futterpflanzen für Raupen und Nektarquellen für Falter müssen ständig zur Verfügung stehen. Viele Zoos beziehen Puppen aus zertifizierten Zuchtfarmen in Costa Rica, Malaysia und den Philippinen. Die Puppen werden in speziellen Puppenkästen bei kontrollierter Temperatur zum Schlüpfen gebracht. Adulte Falter leben nur 2-6 Wochen. Für einen kontinuierlichen Bestand müssen regelmässig neue Puppen nachgeliefert werden.
Blattschneiderameisen (Atta, Acromyrmex)
Blattschneiderameisen-Kolonien sind faszinierende Schauobjekte und zählen zu den beliebtesten Wirbellosen-Ausstellungen in Zoos. Die Ameisen schneiden Blätter, transportieren sie in unterirdische Kammern und züchten darauf einen Pilz, von dem sie sich ernähren. Sie betreiben damit eine der ältesten Formen der Landwirtschaft (seit etwa 50 Millionen Jahren).
Die Haltung erfordert ein System aus verbundenen Behältern: Futterarena (hier werden frische Blätter und Blüten angeboten), Pilzkammer (hier wächst der Pilzgarten), Abfallkammer (hier deponieren die Ameisen Abfall). Die Verbindungswege zwischen den Kammern werden häufig durch transparente Schläuche geführt, sodass Besucher die Ameisen beim Transport beobachten können. Eine Kolonie kann mehrere Millionen Individuen umfassen und benötigt täglich mehrere Kilogramm frisches Pflanzenmaterial.
Stabheuschrecken und Gespenstschrecken (Phasmatodea)
Phasmiden sind beliebte Schau- und Anfängertiere. Die Australische Gespenstschrecke (Extatosoma tiaratum), die Indische Stabschrecke (Carausius morosus) und die Riesenstabschrecke (Phobaeticus chani, längstes Insekt der Welt mit über 50 cm) werden in Insektarien gehalten. Viele Arten vermehren sich parthenogenetisch (Jungfernzeugung), was die Zucht vereinfacht.
Käfer (Coleoptera) und Gottesanbeterinnen (Mantodea)
Käfer bilden die artenreichste Insektenordnung. In Zoos werden Riesenkäfer wie der Goliathkäfer (Goliathus goliatus), der Herkuleskäfer (Dynastes hercules) und der Hirschkäfer (Lucanus cervus) gezeigt. Die Larvenphase kann je nach Art mehrere Jahre dauern. Orchideenmantis (Hymenopus coronatus), Teufelblume (Idolomantis diabolica) und Wandelnde Geige (Gongylus gongyloides) sind spektakuläre Terrarienbewohner. Mantiden sind Lauerjäger und fressen Fliegen, Heimchen und Motten.
Vogelspinnen (Theraphosidae)
Vogelspinnen sind die grössten Spinnen der Welt. Die Goliath-Vogelspinne (Theraphosa blondi) erreicht eine Beinspannweite von über 30 cm. In Zoos werden zahlreiche Arten gehalten, darunter Mexikanische Rotknievogelspinne (Brachypelma hamorii), Martinique-Baumvogelspinne (Caribena versicolor) und Weissstreifen-Vogelspinne (Nhandu chromatus).
Die Haltung erfolgt in Terrarien mit artspezifischem Bodengrund: Grabende Arten benötigen tiefes Substrat (10-15 cm Kokoshumus/Erde), Baumvogelspinnen benötigen vertikale Strukturen und Rindenröhren. Vogelspinnen fressen Insekten und grössere Arten auch junge Mäuse. Die Fütterung erfolgt alle 1-2 Wochen. Vor und während der Häutung wird nicht gefüttert.
Handling und Sicherheit bei Vogelspinnen
Vogelspinnen aus der Neuen Welt (Amerika) besitzen Brennhaare (Urticating Hairs), die sie bei Bedrohung abstreifen. Diese Haare verursachen starken Juckreiz und können bei Augenkontakt zu ernsthaften Entzündungen führen. Schutzbrille und Handschuhe sind bei empfindlichen Arten ratsam. Vogelspinnen aus der Alten Welt (Afrika, Asien) haben keine Brennhaare, sind aber deutlich aggressiver und schneller. Ihr Biss ist schmerzhaft und kann allergische Reaktionen auslösen. Direktes Handling von Vogelspinnen ist im Zoo nicht empfohlen.
Skorpione
Kaiserskorpion (Pandinus imperator), Wüstenskorpion (Hadrurus arizonensis) und Dickschwanzskorpion (Androctonus australis) werden in Insektarien gehalten. Eine Faustregel: Je grösser die Scheren und je kleiner der Schwanzstachel, desto ungefährlicher ist die Art. Androctonus und Leiurus besitzen dünne Scheren und kräftige Stacheln und gehören zu den gefährlichsten Skorpionarten. Skorpione fluoreszieren unter UV-Licht, was in Schauterrarien eindrucksvoll genutzt wird.
Korallen (Anthozoa) und Riffaquaristik
Korallen sind koloniebildende Nesseltiere und die Grundlage tropischer Riffökosysteme. In der Meerwasseraquaristik gehören Korallenriffbecken zu den technisch anspruchsvollsten Haltungsformen überhaupt.
Steinkorallen (Scleractinia)
Steinkorallen bilden ein Kalkskelett und sind die Hauptbauer tropischer Riffe. Acropora, Montipora, Pocillopora und Porites sind gängige Gattungen. Steinkorallen benötigen intensive Beleuchtung (200-400 PAR), stabile Wasserparameter, hohe Strömung und niedrige Nährstoffwerte (Nitrat unter 5 mg/l, Phosphat unter 0,03 mg/l). Die meisten Steinkorallen leben in Symbiose mit Zooxanthellen (Dinoflagellaten), die durch Photosynthese den Grossteil der Energie liefern. Korallenbleiche tritt auf, wenn die Korallen ihre Zooxanthellen abstossen (ausgelöst durch zu hohe Temperaturen, zu starkes Licht oder Stress).
Weichkorallen (Alcyonacea)
Weichkorallen sind generell einfacher zu halten als Steinkorallen. Lederkorallen (Sarcophyton, Sinularia), Pulsierende Xenia (Xenia spp.) und Gorgonien (Hornkorallen) gehören zu den beliebtesten Arten. Weichkorallen benötigen moderate bis starke Beleuchtung und gute Wasserströmung.
Korallenfragmentierung (Fragging)
Viele Korallen können durch Fragmentierung vermehrt werden. Ein kleines Stück der Mutterkolonie wird mit einem Skalpell oder einer Knochensäge abgetrennt und auf einem Ablegerstein (Frag Plug) mit Sekundenkleber oder Riffmörtel befestigt. Diese Methode ermöglicht den Austausch zwischen Zoos und reduziert den Bedarf an Wildentnahmen. CITES reguliert den internationalen Handel mit Steinkorallen (Anhang II). Nachzuchten sind von Handelsbeschränkungen teilweise ausgenommen, müssen aber dokumentiert werden.
| Komponente | Funktion | Zielwerte |
|---|---|---|
| LED-Beleuchtung | Photosynthese der Zooxanthellen | PAR 200-400, hoher Blauanteil |
| Eiweissabschäumer | Entfernung organischer Verbindungen | Dimensionierung für 3-5x Beckenvolumen |
| Kalkreaktor | Calcium und Karbonathärte nachliefern | Calcium 400-450 mg/l, KH 7-10 dKH |
| Strömungspumpen | Simulation natürlicher Wellenströmung | 10-20x Beckenvolumen pro Stunde |
| Osmoseanlage | Reinstwasser für Meerwassermischung | Leitwert unter 10 Mikro-Siemens |
Quallen-Haltung
Quallen (Medusae) gehören zu den eindrucksvollsten Wirbellosen in Schauaquarien. Ihre schwebende Fortbewegung und die transluzenten Körper schaffen faszinierende Ausstellungen. Die Haltung stellt besondere technische Anforderungen.
Quallen werden in speziellen Kreiselbecken (Kreisel-Aquarien) gehalten. Diese zylindrischen oder halbkreisförmigen Becken erzeugen eine sanfte, gleichmässige Kreisströmung, die die Quallen in der Wassersäule hält und verhindert, dass sie an Pumpen, Heizer oder scharfkantigen Gegenständen verletzt werden. Herkömmliche Aquarien mit Ecken und starker Strömung sind für Quallen ungeeignet.
Ohrenquallen (Aurelia aurita) sind die am häufigsten gehaltene Art, da sie relativ genügsam sind. Die Wassertemperatur beträgt 13-18 Grad Celsius. Quallen fressen Zooplankton (frisch geschlüpfte Artemia-Nauplien). Die Fütterung erfolgt täglich. In Grossaquarien werden auch Kompassquallen (Chrysaora hysoscella) und Pazifische Seenesseln (Chrysaora fuscescens) gehalten.
Kopffüsser (Cephalopoda)
Kopffüsser gehören zu den intelligentesten Wirbellosen. Gemeine Kraken (Octopus vulgaris), Sepien (Sepia officinalis) und Nautilus (Nautilus pompilius) werden in Schauaquarien gehalten. Kraken sind Meister der Tarnung, können Form und Farbe in Sekundenbruchteilen ändern und lösen komplexe Aufgaben.
Die Haltung von Kraken ist anspruchsvoll: Sie benötigen absolut ausbruchsichere Becken (Kraken quetschen sich durch kleinste Öffnungen, jede Lücke grösser als der Schnabel reicht), kühles Meerwasser (15-22 Grad Celsius), Höhlen als Versteck und tägliches Enrichment. Die Lebensdauer ist kurz (1-3 Jahre), und die Tiere sterben nach der Fortpflanzung (Semelparie).
Enrichment für Kraken
- Futter in verschlossenen Gläsern oder Plastikbehältern (Kraken lernen, diese zu öffnen)
- Wechselnde Dekoration und Objekte im Becken
- Puzzles mit unterschiedlichen Verschlussmechanismen
- Verschiedene Texturen und Objekte zur Manipulation (Bälle, Rohre, Lego)
- Interaktion mit Pflegern (Kraken erkennen einzelne Personen und reagieren unterschiedlich)
- Lebende Beutetiere (Krebse, Muscheln) für natürliches Jagdverhalten
Krebstiere (Crustacea)
Garnelen
Süsswassergarnelen wie Amano-Garnelen (Caridina multidentata), Red-Bee-Garnelen (Caridina logemanni) und Fächer-Garnelen (Atya gabonensis) sind beliebte Aquarienbewohner. Im Meerwasserbereich werden Putzergarnelen (Lysmata amboinensis) und Feuergarnelen (Lysmata debelius) gehalten. Garnelen sind empfindlich gegenüber Schwermetallen (Kupfer ist tödlich) und benötigen stabile Wasserparameter.
Krabben und Hummer
Winkerkrabben (Uca spp.), Japanische Riesenkrabben (Macrocheira kaempferi, Beinspannweite bis 3,7 m) und Einsiedlerkrebse werden in Aquarien gehalten. Europäischer Hummer (Homarus gammarus) und Languste (Palinurus elephas) benötigen kühles Meerwasser (12-18 Grad Celsius). Hummer sind territorial und müssen einzeln gehalten werden, da sie sich gegenseitig die Scheren abreissen.
Besonderheiten der Haltung Wirbelloser
Häutung
Arthropoden (Insekten, Spinnen, Krebstiere) müssen sich regelmässig häuten, um zu wachsen. Die Häutung ist ein kritischer Prozess: Das Tier ist für Stunden bis Tage verletzlich. Während dieser Phase dürfen keine Futtertiere im Terrarium sein, da diese das häutende Tier verletzen könnten. Ausreichende Luftfeuchtigkeit ist essenziell.
Futtertierzucht
Viele Zoos betreiben eigene Futtertierzuchten. Heimchen (Acheta domesticus), Steppengrillen (Gryllus assimilis), Schaben (Blaptica dubia, Shelfordella lateralis), Fruchtfliegen (Drosophila melanogaster und D. hydei), Mehlwürmer (Tenebrio molitor) und Wachsmotten (Galleria mellonella) werden in grossem Massstab gezüchtet. Die Futtertiere werden vor der Verfütterung mit Vitamin- und Mineralpulver bestäubt (Dusting) oder vorab mit nährstoffreichem Futter gefüttert (Gut-Loading).
Rechtliche Aspekte
Während Wirbellose nicht unter das Tierschutzgesetz im gleichen Umfang wie Wirbeltiere fallen, gelten für den Handel mit geschützten Arten strenge CITES-Regeln. Steinkorallen sind CITES-Anhang-II-Arten. Bestimmte Vogelspinnen (Brachypelma spp.) stehen ebenfalls unter Artenschutz. Die EU-Verordnung über invasive gebietsfremde Arten verbietet die Haltung bestimmter Wirbelloser (z.B. Signalkrebs, Asiatische Hornisse). Kopffüsser (Tintenfische, Kraken) werden seit der EU-Richtlinie 2010/63/EU als fühlenswesig anerkannt und geniessen in der wissenschaftlichen Forschung den gleichen Schutz wie Wirbeltiere.
Quellen
- Klaas, P. (2013): Vogelspinnen. Ulmer Verlag, Stuttgart.
- Sprung, J. (1999): Corals: A Quick Reference Guide. Ricordea Publishing.
- Borneman, E. H. (2001): Aquarium Corals: Selection, Husbandry, and Natural History. Microcosm.
- Löser, S. (1991): Exotische Insekten, Tausendfüsser und Spinnentiere. Ulmer Verlag.
- Mather, J. A., Anderson, R. C., Wood, J. B. (2010): Octopus: The Ocean's Intelligent Invertebrate. Timber Press.
- EAZA Invertebrate TAG: Best Practice Guidelines für Wirbellose in Zoos.
- CITES: www.cites.org
- Deutsche Arachnologische Gesellschaft: www.arages.de