Gehegeplanung und Gehegebau
Die Planung und der Bau von Zoogehegen ist eine interdisziplinäre Aufgabe, die biologisches Fachwissen, architektonische Kompetenz und betriebswirtschaftliche Überlegungen verbindet. Ein modernes Gehege muss den artspezifischen Bedürfnissen der Tiere gerecht werden, den Besuchern ein eindrucksvolles Naturerlebnis bieten, den Tierpflegern sichere und effiziente Arbeitsbedingungen ermöglichen und den gesetzlichen Anforderungen entsprechen. Tierpfleger werden zunehmend in den Planungsprozess einbezogen, da sie die praktischen Anforderungen der täglichen Tierpflege am besten kennen.
Planungsphasen
1. Konzeptphase
In der Konzeptphase werden die grundlegenden Rahmenbedingungen festgelegt: Welche Tierarten sollen gehalten werden? Welche Gruppengrösse ist vorgesehen? Soll eine Vergesellschaftung (Gemeinschaftshaltung mehrerer Arten) stattfinden? Welche gesetzlichen Mindestanforderungen gelten (Säugetiergutachten, EAZA-Empfehlungen, Taxon Advisory Group Bestpractice Guidelines)? Welches Budget steht zur Verfügung? Ein Pflichtenheft (Briefing) wird erstellt, das alle Anforderungen zusammenfasst.
2. Entwurfsphase
Architekten und Landschaftsplaner erstellen Vorentwürfe, die mit dem zoologischen Team (Kurator, Tierpfleger, Tierarzt) abgestimmt werden. Dreidimensionale Modelle oder digitale Visualisierungen helfen bei der Beurteilung. Besonderes Augenmerk liegt auf der Besucherperspektive (Sichtachsen, Immersion), den Pflegerbereichen (Zugänge, Futterküche, Behandlungsstand) und den Sicherheitsanforderungen (Schleusensysteme, Gehegebegrenzungen).
3. Genehmigungsphase
Der Bauantrag wird bei der zuständigen Behörde eingereicht. Erforderliche Genehmigungen: Baugenehmigung, artenschutzrechtliche Genehmigung (bei Neuhaltung geschützter Arten), Stellungnahme des Veterinäramts zur tierschutzgerechten Haltung und gegebenenfalls Umweltverträglichkeitsprüfung. Die Genehmigungsphase kann mehrere Monate bis über ein Jahr dauern.
4. Bauphase
Die Bauphase erfordert enge Abstimmung zwischen Baufirma und Zoobetrieb. Bereits gehaltene Tiere müssen gegebenenfalls umgesetzt werden. Lärmbelästigung für den Tierbestand ist zu minimieren. Die Bauabnahme erfolgt durch die Behörde und das zoologische Team. Vor dem Erstbesatz werden alle Sicherheitseinrichtungen getestet (Schieber, Schleusen, Elektrozäune, Wassersysteme).
Besucherperspektive und Immersion
Moderne Zoos gestalten ihre Gehege zunehmend nach dem Konzept der Immersion: Der Besucher soll das Gefühl haben, den natürlichen Lebensraum des Tieres zu betreten. Dies gelingt durch die Gestaltung des Besucherbereichs mit Elementen des Tierlebensraums, die Vermeidung sichtbarer Barrieren (versteckte Gräben, Glasscheiben, Haha-Mauern), gelenkte Sichtachsen, die das Tier in einer natürlich wirkenden Umgebung zeigen, und thematisch passende Architektur (afrikanische Lodge am Savannengehege, asiatischer Tempel am Elefantenhaus).
Sichtlinien und Choreografie
Die Wegeführung wird so geplant, dass der Besucher das Gehege aus verschiedenen Perspektiven und Höhen erlebt. Aussichtspunkte werden gezielt platziert. Der erste Blick auf das Tier sollte überraschend und eindrucksvoll sein (Reveal-Moment). Blicke auf technische Einrichtungen, Pflegerräume und benachbarte Gehege werden durch Bepflanzung oder Landschaftsgestaltung verdeckt.
Naturnahe Gestaltung (Landscape Immersion)
Das Konzept der Landscape Immersion wurde 1975 von Grant Jones, Dennis Paulson, Jon Coe und David Hancocks für den Woodland Park Zoo in Seattle entwickelt. Es verbindet Tiere und Besucher in einer nachempfundenen natürlichen Landschaft, in der die Grenzen zwischen Tier- und Besucherbereich verschwimmen.
Grundprinzipien
- Authentische Vegetation: Verwendung von Pflanzen, die dem natürlichen Lebensraum entsprechen oder ähneln. In europäischen Zoos werden häufig winterharte Alternativen eingesetzt, die optisch den Originalpflanzen ähneln.
- Natürliche Substrate: Erdboden, Sand, Kies, Fels statt Beton und Fliesen. Unterschiedliche Bereiche (trocken, feucht, schattig, sonnig) im selben Gehege.
- Wasserflächen: Naturnahe Teiche, Bachläufe, Wasserfälle statt geometrischer Becken.
- Geländemodellierung: Hügel, Senken, Felsen und Baumstämme schaffen eine dreidimensionale Landschaft mit Sichtschutz und Rückzugsbereichen für die Tiere.
- Versteckte Technik: Schieber, Tore, Abflüsse und Versorgungsleitungen werden in die Landschaft integriert und für Besucher unsichtbar gemacht.
Der Zoo Leipzig setzt dieses Konzept konsequent um, unter anderem bei der 2025 wiedereröffneten Terrarium-Anlage, die vollständig nach dem Landscape-Immersion-Prinzip gestaltet ist.
Materialien
| Material | Einsatz | Vorteile | Nachteile |
|---|---|---|---|
| Beton | Felsen-Nachbildungen, Wasserbecken, Fundamente, Stallungen | Formbar, langlebig, kann natürlich gestaltet werden (Spritzbeton) | Kalt, hart (Gelenke), schwer zu ändern |
| Holz | Kletterstämme, Plattformen, Sichtschutz, Besuchereinrichtungen | Natürlich, greifbar, leicht ersetzbar | Verwitterung, Beschädigung durch Tiere, Pilzbefall |
| Stahl | Gitter, Schieber, Rahmen, Sicherheitsbarrieren | Extrem stabil, langlebig | Korrosion (Edelstahl bevorzugt), kalt, sichtbar |
| Glas | Besucherscheiben, Unterwasser-Einsichten, Aquarien | Transparenz, nahe Tierbegegnung, unsichtbare Barriere | Spiegelungen, Verschmutzung, hohe Kosten, Bruchgefahr |
| Netze (Edelstahl) | Volieren, Primatengehege, Überspannung | Transparent, leicht, grosse Spannweiten möglich | Kosten, begrenzte Eignung bei Nagetieren/Papageien |
| GFK (Glasfaser) | Felsen-Nachbildungen, Baumstammimitationen, Wasserfälle | Leicht, formbar, naturgetreue Oberflächen | UV-Alterung, kann beschädigt werden |
Technische Einrichtungen
- Schieber und Klappen: Ermöglichen das Trennen von Gehegeteilen und das kontrollierte Bewegen der Tiere. Hydraulische oder elektrische Schieber bei Grosssäugern, manuelle Schieber bei kleineren Tieren. Bedienung vom gesicherten Pflegerbereich aus.
- Waagen: Bodenwaagen im Gehege für regelmässige Gewichtskontrolle. Integration in den Trainingsablauf (Tier geht freiwillig auf die Waage). Kapazität und Genauigkeit müssen zur Tierart passen.
- Futterautomaten: Zeitgesteuerte Futtergabe für Beschäftigung auch ausserhalb der Pflegeranwesenheit. Besonders bei nachtaktiven Tieren und für Enrichment sinnvoll.
- Überwachungskameras: Ermöglichen die Beobachtung der Tiere rund um die Uhr, besonders wichtig bei Geburten, kranken Tieren und nachtaktiven Arten.
- Klimaanlagen und Heizungen: Thermostatgesteuert für tropische oder arktische Arten. Fussbodenheizung in Stallungen, Wärmestrahler an Liegeplätzen.
Abwasserentsorgung
Die Abwasserentsorgung in Zoogehegen stellt besondere Anforderungen. Das Abwasser enthält Kot, Urin, Futterreste, Desinfektionsmittel und gegebenenfalls Medikamentenrückstände. Der Boden muss so gestaltet sein, dass Wasser abfliessen kann (Gefälle zu Abläufen, mindestens 2 Prozent). Bodenabläufe müssen tiergerecht gestaltet sein (keine Spalten, in denen Klauen oder Krallen hängenbleiben). Bei Gehegen mit Naturboden muss die Versickerung und mögliche Grundwasserbelastung berücksichtigt werden. In empfindlichen Bereichen (Quarantäne, Seuchenfall) muss das Abwasser vor der Einleitung desinfiziert werden können.
Bepflanzung
Die Bepflanzung eines Zoogeheges erfüllt mehrere Funktionen: Sichtschutz und Rückzugsbereiche für die Tiere, Schattenspender, Futterpflanzen (Browse), Enrichment (Klettern, Nagen, Verstecken) und natürliche Gestaltung für die Besucherperspektive.
Giftige Pflanzen vermeiden
Im Tierbereich dürfen keine für die gehaltene Tierart giftigen Pflanzen stehen. Häufig giftige Pflanzen, die im Zoobereich vermieden werden müssen: Eibe (Taxus), Goldregen (Laburnum), Oleander (Nerium), Rhododendron, Efeu (Hedera, in grossen Mengen), Fingerhut (Digitalis), Herbstzeitlose (Colchicum) und Tollkirsche (Atropa). Im Besucherbereich können giftige Zierpflanzen stehen, müssen aber für Tiere unzugänglich sein. Die Pflanzenliste muss vom Kurator oder Tierarzt genehmigt werden.
Bepflanzungsschutz
Viele Tierarten beschädigen oder fressen Pflanzen. Schutzmaassnahmen: Baumschutzkörbe aus Stahl um Stämme, erhöhte Pflanzbeete ausserhalb der Tierreichweite, robuste Pflanzenarten wählen (z.B. Bambus für Primatengehege, der schnell nachwächst), Wechselbepflanzung (beschädigte Pflanzen regelmässig ersetzen) und Rückzugsbereiche für Pflanzen, die für Tiere nicht zugänglich sind.
Beleuchtung und Heizung
Natürliches Licht
Natürliches Sonnenlicht ist für die meisten Tierarten essenziell. Bei Innengehegen sollte möglichst viel Tageslicht über Oberlichter, grosse Fenster oder lichtdurchlässige Dachkonstruktionen einfallen. UV-durchlässiges Glas ist für Reptilien und Amphibien wichtig, da sie UV-B-Strahlung für die Vitamin-D3-Synthese benötigen.
Künstliche Beleuchtung
Wo natürliches Licht nicht ausreicht, kommen künstliche Lichtquellen zum Einsatz: LED-Leuchten mit einstellbarem Spektrum für die Simulation von Tagesverläufen, UV-B-Lampen (Metal-Halide, T5-Röhren) für Reptilien und Amphibien, Infrarot-Wärmestrahler als punktuelle Wärmequellen und Mondlichtlampen (schwaches blaues Licht) für nachtaktive Tiere. Die Beleuchtung wird über Zeitschaltuhren oder programmierbare Steuerungen geregelt, um natürliche Lichtverhältnisse mit Dämmerungsphasen zu simulieren.
Heizung
Tropische Arten benötigen ganzjährig Temperaturen über 20 Grad Celsius in Innenbereichen. Heizungsoptionen: Fussbodenheizung (gleichmässige Bodenwärme, wichtig für Reptilien und bodenlebende Säugetiere), Warmluftheizung (schnelle Raumaufheizung), Wärmematten und Heizkabel (lokale Wärmezonen in Terrarien) und Wärmestrahler (punktuelle Erwärmung von Liegeflächen). Die Raumtemperatur wird über Thermostate geregelt, die regelmässig kalibriert werden müssen.
Barrierefreiheit für Besucher
Moderne Zoogehege müssen für alle Besucher zugänglich sein. Die Barrierefreiheit umfasst:
- Rollstuhlgerechte Wege (mindestens 1,2 Meter breit, maximale Steigung 6 Prozent)
- Absenkungen an Gehegeeinsichten, damit Rollstuhlfahrer und Kinder die Tiere sehen können
- Taktile Leitsysteme für sehbehinderte Besucher
- Tastmodelle von Tieren an ausgewählten Gehegen
- Informationstafeln in geeigneter Höhe und mit ausreichendem Kontrast
- Ruhezonen mit Sitzgelegenheiten in regelmässigen Abständen
- Behindertengerechte Sanitäranlagen im Zoogelände verteilt
Kosten und Fördermittel
Gehegeneubauten sind kostspielig. Die Kosten variieren enorm je nach Tierart, Grösse und Ausstattung. Orientierungswerte: ein kleines Vogelgehege kann ab 50.000 Euro realisiert werden, eine mittelgrosse Primatenanlage kostet 2 bis 5 Millionen Euro, ein Elefantenhaus mit Aussenanlage 15 bis 40 Millionen Euro und ein grosses Aquarium oder Tropenhaus 20 bis 80 Millionen Euro.
Finanzierungsquellen
- Eigenmittel: Einnahmen aus Eintrittsgeldern, Gastronomie, Shop
- Kommunale Zuschüsse: Viele Zoos sind kommunale Einrichtungen oder erhalten städtische Zuschüsse
- Fördermittel: EU-Strukturfonds, Landes- und Bundesmittel (Tourismus, Umweltbildung, Artenschutz)
- Spenden und Sponsoring: Tierpatenschaften, Unternehmenssponsoring, Fundraising-Kampagnen
- Fördervereine: Zoofördervereine sammeln Spenden und finanzieren spezifische Projekte
- Stiftungen: Artenschutz- und Umweltstiftungen für Projekte mit Artenschutzbezug
Betriebskosten nicht vergessen
Neben den Baukosten müssen die laufenden Betriebskosten eingeplant werden: Energie (Heizung, Beleuchtung, Wasserpumpen), Wartung und Instandhaltung, Personalkosten (zusätzliche Pfleger für ein neues Gehege), Futter- und Einstreukosten und Wasseraufbereitung. Die jährlichen Betriebskosten können 5 bis 10 Prozent der Baukosten betragen. Eine realistische Kalkulation der Gesamtkosten (Total Cost of Ownership) ist vor Baubeginn essenziell.
Quellen und weiterführende Literatur
- Coe, J.C. & Jones, G. (1975): Landscape Immersion Design Concept. Woodland Park Zoo, Seattle.
- Coe, J.C.: Zoo Design Principles. joncoe.net.
- CLR Design: Landscape Immersion. clrdesign.com.
- Zootier-Lexikon: Gehegeplanung. zootier-lexikon.org.
- Zoo Zürich: Entwicklungsplan 2050. zoo.ch.
- Hosey, G., Melfi, V. & Pankhurst, S. (2013): Zoo Animals: Behaviour, Management, and Welfare. Oxford University Press.
- Rees, P.A. (2011): An Introduction to Zoo Biology and Management. Wiley-Blackwell.
- Säugetiergutachten (BMEL): Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren.
- EAZA: Standards for the Accommodation and Care of Animals in Zoos and Aquaria.