Vögel in der Wildtierpflege
Vögel (Aves) bilden mit über 10.000 beschriebenen Arten die artenreichste Klasse der Landwirbeltiere. In zoologischen Gärten werden Vögel aus nahezu allen Ordnungen gehalten, von winzigen Kolibris bis zu imposanten Straussen. Die Vogelwelt bietet eine enorme Bandbreite an Lebensweisen, Ernährungsstrategien und Fortpflanzungsbiologien, die jeweils spezifische Haltungsanforderungen mit sich bringen.
Die Pflege von Vögeln erfordert Kenntnisse in Gefieder- und Schnabelpflege, Brutbiologie, Ernährungsphysiologie und Flugmanagement. Die Kupierung (dauerhafte Amputation von Flügelteilen) ist in der Schweiz nach dem Tierschutzgesetz verboten. Stattdessen werden temporärer Federschnitt der Schwungfedern oder architektonische Lösungen wie überdachte Volieren und Netzanlagen eingesetzt. Moderne Freiflughallen ermöglichen es Vögeln, ihre natürliche Flugfähigkeit auszuleben, und bieten Besuchern eindrucksvolle Begegnungen.
Greifvögel und Eulen
Greifvögel (Accipitriformes und Falconiformes)
Zu den in Zoos gehaltenen Greifvögeln zählen Adler (Steinadler, Seeadler, Weissbrust-Seeadler), Bussarde, Milane, Geier (Gänsegeier, Bartgeier, Andenkondor) und Falken (Wanderfalke, Sakerfalke, Gerfalke). Greifvögel benötigen grosse Volieren mit erhöhten Sitzgelegenheiten und Nistplätzen. Die Mindestvolierengrösse richtet sich nach der Flügelspannweite des Vogels. Der Andenkondor (Vultur gryphus) mit einer Spannweite von über 3 m benötigt die grössten Volieren im Vogelbestand eines Zoos.
Geier: Geier spielen in der Ökologie eine zentrale Rolle als Aasfresser und Seuchenprävention. Europäische Gänsegeier, Bartgeier und Mönchsgeier werden in Zuchtprogrammen gemanagt. Das Bartgeier-EEP gehört zu den erfolgreichsten Artenschutzprogrammen in Europa: Seit 1986 wurden über 300 in Zoos gezüchtete Bartgeier in den Alpen, auf Korsika und in Andalusien ausgewildert. Geier benötigen grosse Volieren mit Felsnischen und Nistmöglichkeiten in der Höhe. Die Fütterung erfolgt mit ganzen Kadaverteilen (Knochen, Fleisch, Innereien). Der Bartgeier ist ein Spezialist: Er lässt grosse Knochen aus der Höhe auf Felsen fallen, um an das nahrhafte Knochenmark zu gelangen.
Falknerei und Freiflugvorführungen
Viele Zoos bieten Greifvogel-Flugvorführungen an, die sowohl der Besucherbildung als auch dem Training und Enrichment der Vögel dienen. Die Arbeit mit Greifvögeln basiert auf dem Prinzip der operanten Konditionierung. Der Pfleger trägt einen Falknerhandschuh aus dickem Leder, auf dem der Vogel landet. Greifvögel werden auf ein Fluggewicht trainiert, bei dem sie motiviert sind, zum Falkner zurückzufliegen. Die Ausbildung erfolgt schrittweise:
- Phase 1: Gewöhnung an den Handschuh, ruhiges Sitzen auf der Faust
- Phase 2: Springen auf kurze Distanz (50 cm) von einem Block zum Handschuh
- Phase 3: Auffliegen auf mittlere Distanz (5-20 m) in geschlossener Voliere
- Phase 4: Freiflug im Aussenbereich mit Langfessel (Kreance)
- Phase 5: Freier Rückflug ohne Sicherung
- Phase 6: Flug mit Beuteattrappen, Stooptraining bei Falken
Das Fluggewicht wird täglich kontrolliert. Ein Vogel, der zu schwer ist, hat keine Motivation zurückzukehren. Ein zu leichter Vogel ist geschwächt. Die Feinabstimmung des Gewichts ist die zentrale Kompetenz des Falkners. Trainierte Greifvögel tragen eine Falknershaube (zum Ruhigstellen während des Transports), Geschüh (Lederriemen an den Fängen) und eine Langfessel.
Haltungsanforderungen Greifvögel
- Volierengrösse: mindestens 3x Flügelspannweite in Länge und Breite, 2x Körperlänge in Höhe
- Sitzstangen aus Naturholz unterschiedlicher Stärke (Fussgesundheit, Vermeidung von Sohlengeschwüren/Bumblefoot)
- Gittermaterial: geeignete Maschenweite (kein Verfangen), Volierendraht statt Maschendraht
- Bademöglichkeit: flache Wasserschale, regelmässig gereinigt
- Sichtschutz zu Nachbarvolieren bei territorialen Arten
- Wind- und Regenschutz auf mindestens einem Drittel der Voliere
- Nistplattformen oder Nistnischen in der Höhe
- Kein direkter Besucherzugang (Stressreduktion)
Eulen (Strigiformes)
Eulen sind überwiegend nacht- oder dämmerungsaktiv. Uhu, Schnee-Eule, Schleiereule, Waldkauz und Bartkauz gehören zu den häufigsten Arten in Zoos. Eulen benötigen ruhige, schattige Volieren mit Höhlen oder Nistkästen als Rückzugsort. Die Fütterung besteht aus ganzen Beutetieren (Küken, Mäuse, Ratten, Wachteln), die mit Fell und Knochen gefressen werden. Das Gewölle (unverdauliche Reste aus Fell, Knochen und Chitinteilen) wird regelmässig herausgewürgt und gibt Aufschluss über die Ernährung. Die Gewölleanalyse ist eine wichtige Untersuchungsmethode zur Kontrolle der Nahrungsaufnahme.
Schnee-Eulen (Bubo scandiacus) stellen besondere Anforderungen: Sie benötigen kühle Temperaturen, grosse offene Flächen und sind tagaktiv. Der Uhu (Bubo bubo) ist die grösste europäische Eule und wird in Auswilderungsprogrammen gezüchtet. Schleiereulen (Tyto alba) eignen sich aufgrund ihres lautlosen Flugs hervorragend für Flugvorführungen.
Papageien (Psittaciformes)
Papageien gehören zu den beliebtesten und gleichzeitig anspruchsvollsten Vögeln in der Haltung. Ihre hohe Intelligenz, Langlebigkeit (grosse Arten werden 50-80 Jahre alt) und ihr ausgeprägtes Sozialverhalten stellen besondere Anforderungen. Die Ordnung umfasst über 400 Arten in drei Familien: Eigentliche Papageien (Psittacidae), Kakadus (Cacatuidae) und Neuseelandpapageien (Strigopidae).
Aras (Ara spp.)
Aras sind die grössten Papageien. Der Hyazinthara (Anodorhynchus hyacinthinus) erreicht eine Körperlänge von über 100 cm und eine Spannweite von 130 cm. Aras benötigen sehr grosse Volieren (Mindestlänge 6 m für grosse Arten, Höhe mindestens 3 m) und extrem robustes Material, da ihr kräftiger Schnabel Holz, dünne Metallgitter und sogar Schweissnähte zerstören kann. Edelstahlgitter ist zwingend empfehlenswert. Aras leben paarweise und bilden lebenslange Paarbindungen. In der Natur fliegen sie täglich mehrere Kilometer zu Futterbäumen und Salzlecken (Clay Licks), was die Notwendigkeit von Flugmöglichkeiten in der Haltung unterstreicht.
Der Spixara (Cyanopsitta spixii) galt in der Wildnis als ausgestorben. Seit 2022 werden in Zoos und Zuchteinrichtungen gezüchtete Spixaras in der Caatinga-Region Brasiliens wieder angesiedelt. Das Projekt wird von der Association for the Conservation of Threatened Parrots (ACTP) in Berlin koordiniert und ist eines der ambitioniertesten Wiederansiedlungsprojekte für Papageien weltweit.
Kakadus (Cacatuidae)
Kakadus sind besonders anspruchsvoll in der Haltung und gehören zu den „Problemvögeln" in der Papageienpflege. Sie neigen bei Unterstimulation stark zu Federrupfen (Automutilation), übermässigem Schreien und Stereotypien. Gelbhaubenkakadus, Rosakakadus, Molukkenkakadus und Inkakakadus sind häufig in Zoos vertreten. Kakadus benötigen intensives und täglich wechselndes Enrichment:
- Zerstörbare Objekte: Holzklötze, Kartonagen, Kokosnüsse, Baumrinde
- Futterpuzzles: Futter in verschlossenen Behältern, Futterräder, Schnüre zum Aufknoten
- Sozialkontakt: Paar- oder Gruppenhaltung ist zwingend, Einzelhaltung führt unweigerlich zu Verhaltensstörungen
- Bademöglichkeiten: Sprühbad oder flache Wasserschale, Kakadus baden gern und regelmässig
- Lärm und Kommunikation: Kakadus sind von Natur aus laut. Schallisolierung zu Nachbarbereichen ist sinnvoll
Graupapageien (Psittacus erithacus)
Graupapageien gelten als die sprachbegabtesten Vögel und zeigen komplexe kognitive Leistungen. Der berühmte Graupapagei Alex (1976-2007) bewies unter wissenschaftlicher Begleitung von Dr. Irene Pepperberg, dass Papageien über 100 Wörter sinnvoll einsetzen, Farben und Formen unterscheiden und einfache Mengenbegriffe verstehen können. Graupapageien sind CITES-Anhang-I-Art und stark bedroht durch illegalen Fang in Westafrika. In der Haltung sind sie empfindlich gegenüber Stress und benötigen stabile Sozialkontakte. Einzelhaltung führt regelmässig zu schweren Verhaltensstörungen. Der Calciumstoffwechsel ist bei Graupapageien anfällig: Calciummangel (Hypokalzämie) ist eine häufige Erkrankung und kann zu Krampfanfällen führen.
Problematik Federrupfen (Pterotillomanie)
Federrupfen ist eine der häufigsten Verhaltensstörungen bei Papageien in Gefangenschaft. Die Tiere rupfen sich selbst Federn aus, was in schweren Fällen bis zur vollständigen Entfederung und Hautverletzungen führen kann. Die Ursachen sind multifaktoriell:
- Haltungsbedingte Ursachen: Einzelhaltung, Langeweile, fehlende Bademöglichkeiten, zu kleine Voliere, ungeeignetes Futter, mangelndes Enrichment
- Medizinische Ursachen: Aspergillose, Psittacose (Chlamydiose), Zinkvergiftung durch verzinktes Gitter, Endoparasiten, Schilddrüsenprobleme, Hautpilze
- Psychische Ursachen: Stress durch Umgebungswechsel, Verlust des Partners, Angst vor bestimmten Reizen
Die Behandlung erfordert eine umfassende Analyse der Haltungsbedingungen. Medizinische Ursachen müssen zuerst durch tierärztliche Untersuchung (Blutbild, Röntgen, Abstrich) ausgeschlossen werden. Die Therapie ist langwierig und erfordert Geduld. Eine Halskrause verhindert zwar das Rupfen, behandelt aber nicht die Ursache.
Ernährung Papageien
Die Fütterung von Papageien basiert auf einer ausgewogenen Mischung aus Körnern, Obst, Gemüse, Nüssen und Pellets. Sonnenblumenkerne und Erdnüsse sollten aufgrund ihres hohen Fettgehalts nur sparsam eingesetzt werden, da Papageien in Gefangenschaft zu Fettleibigkeit und Leberverfettung neigen. Grosse Aras benötigen harte Nüsse (Macadamia, Paranuss) für Schnabelpflege und Beschäftigung. Loris und Lorikets sind Nektarfresser und erhalten spezielle Nektarlösungen sowie Pollen und Blüten. Ihre spezielle Bürstenzunge ist an die Nektaraufnahme angepasst.
Wichtig ist die Supplementierung: Calciumpulver (besonders für Graupapageien), Vitamin-A-reiches Futter (Karotten, Süsskartoffeln), frische Kräuter und keimende Saaten ergänzen den Speiseplan. Avocado, Schokolade, Koffein und Alkohol sind für Papageien hochgiftig und dürfen nie verfüttert werden.
Pinguine (Sphenisciformes)
Pinguine gehören zu den beliebtesten Zootieren und ziehen weltweit Millionen von Besuchern an. In Europa werden hauptsächlich Humboldt-Pinguine, Magellan-Pinguine, Brillenpinguine, Felsenpinguine und Königspinguine gehalten. Kaiserpinguine sind wegen ihrer extremen Kälteanforderungen (Bruttemperaturen bis minus 40 Grad Celsius) nur in wenigen Einrichtungen weltweit zu sehen (z.B. Sea World San Diego, Osaka Aquarium).
Haltung und Anlagengestaltung
Pinguine sind hochsoziale Koloniebrüter und müssen in Gruppen von mindestens 10 Tieren (besser 20 und mehr) gehalten werden, um normales Sozialverhalten auszulösen. Die Anlage besteht aus einem Landteil mit Nistmöglichkeiten (Höhlen für Humboldt-Pinguine, Steinringe für Felsenpinguine) und einem Wasserbecken mit einer Mindesttiefe von 1,5 m und einer Wasserfläche von mindestens 2 m2 pro Tier. Königspinguine benötigen gekühlte Anlagen (Lufttemperatur 8-12 Grad Celsius, Wassertemperatur 6-10 Grad Celsius). Humboldt-Pinguine vertragen dagegen moderate Temperaturen und können ganzjährig draussen gehalten werden.
Wasserqualität
Die Wasserqualität ist entscheidend für die Gesundheit der Pinguine. Pododermatitis (Sohlengeschwüre) und Augeninfektionen sind häufige Erkrankungen, die durch schlechte Wasserqualität begünstigt werden. Das Wasser muss ständig gefiltert und aufbereitet werden. Der pH-Wert sollte zwischen 7,0 und 8,0 liegen. Chlorierung wird in vielen Anlagen eingesetzt, muss aber sorgfältig dosiert werden (freies Chlor maximal 0,5 mg/l), um Augenreizungen zu vermeiden. Ozonierung ist eine schonendere Alternative und wird in modernen Anlagen bevorzugt. Salzwasser ist nicht zwingend erforderlich, wird aber von vielen Arten bevorzugt und fördert die natürliche Funktion der Salzdrüsen. Die Wassertemperatur muss artspezifisch eingestellt sein.
Fütterung und Gesundheit
Pinguine erhalten täglich 400-800 g Fisch je nach Art und Grösse. Hering, Sprotte, Makrele, Lodde und Stinte sind gängige Futtersorten. Fisch muss in Zooqualität (für den menschlichen Verzehr geeignet) eingekauft und bei minus 18 Grad Celsius gelagert werden. Die maximale Lagerdauer beträgt 6 Monate, da die Qualität danach abnimmt. Die Fütterung erfolgt einzeln aus der Hand, um die Futteraufnahme jedes Tieres zu kontrollieren und Unterernährung einzelner Tiere frühzeitig zu erkennen. Vitaminsupplemente (Thiamin/Vitamin B1, Vitamin E) werden in den Fisch eingesteckt, da Tiefkühlung den Thiamingehalt reduziert. Thiaminmangel kann zu neurologischen Symptomen führen. Regelmässige Gewichtskontrollen (mindestens monatlich) gehören zum Standardprogramm.
Laufvögel (Struthioniformes und verwandte Ordnungen)
Laufvögel haben im Verlauf der Evolution ihre Flugfähigkeit verloren und sich zu Bodenbewohnern mit kräftigen Beinen entwickelt. Zu ihnen gehören die grössten lebenden Vögel. In Zoos werden Laufvögel häufig in Gemeinschaftsanlagen mit Huftieren vergesellschaftet.
Strauss (Struthio camelus)
Der Strauss ist der grösste lebende Vogel mit bis zu 2,75 m Höhe und 150 kg Körpergewicht. Strausse benötigen grosse Freianlagen (mindestens 500 m2 für ein Paar) mit Sandflächen zum Staubbaden. Hengste können während der Brutzeit aggressiv werden und kraftvolle Tritte austeilen, die Knochen brechen können. Zäune müssen mindestens 1,80 m hoch und stabil sein. Strausse können Geschwindigkeiten von bis zu 70 km/h erreichen. Die Fütterung basiert auf Grünfutter, Pellets und Getreide. Strausse sind Allesfresser und nehmen auch Insekten, kleine Wirbeltiere und Steine (Gastrolithen) zur Verdauungshilfe auf. Die Eier des Strausses sind mit 1,4-1,8 kg die grössten Vogeleier und haben eine extrem harte Schale.
Kasuar (Casuarius spp.)
Kasuare sind die drittgrössten lebenden Vögel und gelten als die gefährlichsten Vögel der Welt. Ihre kräftigen Beine tragen eine dolchartige Innenzehe, die tödliche Verletzungen verursachen kann. In Zoos werden Kasuare einzeln oder paarweise in dicht bepflanzten Gehegen mit Wasserstellen gehalten. Der Helm (Casque) auf dem Kopf dient der Schallverstärkung im Regenwald. Kasuare sind Fruchtfresser und wichtige Samenverbreiter im australischen Regenwald. Sie erhalten Obst, Pellets und gelegentlich Mäuse oder Küken.
Emu (Dromaius novaehollandiae)
Emus sind die zweitgrössten lebenden Vögel. Beim Emu brütet ausschliesslich das Männchen. Die Brutdauer beträgt etwa 56 Tage, während derer das Männchen kaum frisst und das Nest nicht verlässt. Emus sind neugierig und können an Besucher herantreten, weshalb sie sich für begehbare Anlagen eignen. Sie benötigen grosse Grasflächen und Sandbademöglichkeiten.
Kiwis (Apteryx spp.)
Kiwis sind die kleinsten Laufvögel und nachtaktiv. Sie besitzen als einzige Vögel Nasenöffnungen an der Schnabelspitze und einen ausgeprägten Geruchssinn. In Europa werden Kiwis nur in wenigen Zoos gehalten (z.B. Zoo Frankfurt, Vogelpark Walsrode). Die Haltung erfordert dunkle, feuchte Gehege mit grabfähigem Substrat. Kiwis legen im Verhältnis zur Körpergrösse die grössten Eier aller Vögel (bis 20% des Körpergewichts).
Wasservögel und Flamingos
Flamingos (Phoenicopteriformes)
Flamingos sind Kolonievögel, die in Gruppen von mindestens 20 Tieren (besser 40 und mehr) gehalten werden sollten, um natürliches Brutverhalten auszulösen. Die Gruppengrösse korreliert direkt mit dem Bruterfolg: Je grösser die Kolonie, desto wahrscheinlicher ist synchronisiertes Brutverhalten.
Die rosarote Färbung wird durch Carotinoide in der Nahrung (Krebstiere, Algen) erzeugt. In Gefangenschaft wird dem Futter das Carotinoid Canthaxanthin zugesetzt, um die Färbung zu erhalten. Ohne Supplementierung verblassen die Federn nach der nächsten Mauser zu Weiss. Die Farbintensität dient auch als Indikator für den Gesundheitszustand und die Zuchttauglichkeit: Intensiv gefärbte Tiere sind für potenzielle Partner attraktiver.
Flamingos filtern ihre Nahrung mit dem spezialisierten Seihschnabel aus dem Wasser. Der Schnabel enthält feine Lamellen, die wie ein Sieb funktionieren. Die Fütterung erfolgt mit speziellem Flamingopellet (Karotinoid-angereichert), das in flachem Wasser angeboten wird. Ergänzend werden Garnelen und Artemia gereicht. Die Wassertiefe im Fütterungsbereich sollte 10-15 cm betragen.
Enten, Gänse und Schwäne (Anseriformes)
Entenvögel gehören zu den häufigsten Zoovögeln. Viele Arten eignen sich für Gemeinschaftsanlagen. Mandarinenten, Brautenten und Kolbenenten sind beliebte Zierenten. Hawaiigänse (Nene) und Rothalsgänse sind bedrohte Arten in Zuchtprogrammen. Die Hawaiigans wurde durch Zucht in Zoos (insbesondere Slimbridge, England) vor dem Aussterben gerettet. Schwäne benötigen grosse Wasserflächen (mindestens 100 m2 pro Paar) und können territorial aggressiv sein. Höckerschwäne können mit ihren Flügelschlägen Knochenbrüche verursachen.
Pelikane (Pelecanidae)
Rosapelikane und Krauskopfpelikane werden in vielen Zoos gehalten. Sie benötigen grosse Wasserbecken zum Fischen und trockene Ruhebereiche. Die Fütterung erfolgt mit Fisch (500-1.500 g pro Tag), der ins Wasser geworfen oder aus dem Eimer angeboten wird. Der Kehlsack fasst bis zu 13 Liter. Pelikane sind anfällig für Aspergillose (Schimmelpilzinfektion der Luftsäcke) und benötigen trockene, zugfreie Schlafplätze.
Kraniche und Störche
Kraniche (Gruidae)
Von den 15 Kranicharten sind 11 bedroht. Kronenkraniche, Mandschurenkraniche (Grus japonensis), Schreikraniche und Klunkerkraniche werden in Zoos gehalten und gezüchtet. Kraniche bilden lebenslange Paarbindungen und zeigen aufwendige Balztänze mit synchronisierten Sprüngen, Verbeugungen und Flügelausbreiten. Diese Tänze dienen der Paarbindung und werden auch ausserhalb der Brutzeit gezeigt.
Die Zucht erfordert grossräumige, ruhige Anlagen (mindestens 500 m2 pro Paar) mit dichter Vegetation als Sichtschutz zu Nachbargehegen. Kraniche sind während der Brutzeit äusserst territorial und können andere Vögel und Pfleger angreifen.
Handaufzucht wird bei bedrohten Arten teilweise mit einer speziellen Technik durchgeführt: dem Puppet-Rearing (Kostümmethode). Pfleger tragen einen Umhang und eine Kranich-Kopfpuppe, um die Prägung auf den Menschen zu vermeiden. Diese Methode wurde beim Schreikranich (Grus americana) entwickelt und wird auch beim Waldrapp-Wiederansiedlungsprojekt angewendet, bei dem Zugvögel von einem Ultraleichtflugzeug über die Alpen geführt werden.
Störche (Ciconiidae)
Weissstörche, Schwarzstörche, Marabus und Sattelstörche sind typische Zoostörche. Marabus (Leptoptilos crumeniferus) können eine Flügelspannweite von über 3 m erreichen und benötigen entsprechend grosse Volieren. Weissstörche brüten in vielen Zoos frei auf Dachmasten und Bäumen und fungieren als natürliche Botschafter für den Artenschutz. Die Fütterung besteht aus Fisch, Mäusen, Küken und Insekten. Schwarzstörche sind im Gegensatz zum Weissstorch scheue Waldvögel und benötigen ruhige Gehege mit Baumbestand.
Vogelgrippe-Prävention im Zoo
Die hochpathogene Aviäre Influenza (HPAI, Vogelgrippe) stellt eine ernsthafte Bedrohung für Vogelbestände in zoologischen Einrichtungen dar. Insbesondere die H5N1-Stämme haben seit 2020 weltweit zu verheerenden Ausbrüchen geführt. Zoos müssen umfassende Biosicherheitsmassnahmen implementieren.
Massnahmenplan Vogelgrippe im Zoo
- Aufstallungspflicht: Bei amtlicher Anordnung müssen alle Vögel in geschlossene Gebäude oder überdachte, seitlich geschlossene Volieren verbracht werden
- Kontaktvermeidung: Kein Kontakt zwischen Zoobestand und Wildvögeln. Teiche und offene Wasserflächen mit Netzen abdecken
- Hygieneschleusen: Desinfektionsmatten und Schuhwechsel vor Betreten der Vogelbereiche
- Getrennte Ausrüstung: Werkzeuge und Kleidung nicht zwischen verschiedenen Vogelbeständen teilen
- Futterschutz: Futter und Einstreu vor Wildvogelkontakt schützen, Futtersilos geschlossen halten
- Trinkwasser: Kein Oberflächenwasser verwenden, dem Wildvögel Zugang haben
- Monitoring: Erhöhte Aufmerksamkeit auf Krankheitszeichen: Apathie, Nasenausfluss, Durchfall, plötzliche Todesfälle
- Meldepflicht: Bei Verdacht sofortige Meldung an das zuständige Veterinäramt
- Impfung: Die EFSA empfiehlt Impfungen für Zoovögel als humanere Alternative zur Keulung. Geimpfte Vögel müssen gesondert dokumentiert werden
Freiflughallen und begehbare Volieren
Freiflughallen gehören zu den eindrucksvollsten Anlagen moderner Zoos. Sie ermöglichen es Vögeln, ihr natürliches Flugverhalten auszuleben, und bieten Besuchern immersive Erlebnisse. Der Vogelpark Walsrode, der Weltvogelpark, betreibt eine der grössten Freiflughallen Europas.
Typische Konzepte umfassen:
Tropenhalle
Klimatisierte Halle mit tropischer Bepflanzung, Wasserfall und Teich. Besatz: Kolibris, Nektarvögel, kleine Papageien, Fruchttauben, Tangarae. Temperatur 24-28 Grad, Luftfeuchtigkeit 70-90%.
Australien-Voliere
Begehbare Anlage mit australischer Flora. Besatz: Wellensittiche, Loris, Kakadus, Kookaburras. Futterstationen mit Nektarlösung für Loris ermöglichen hautnahe Begegnungen.
Uferlandschaft
Grossvoliere mit Teich und Sumpfzone. Besatz: Ibisse, Löffler, Reiher, Enten, Watvögel. Natürliche Brutmöglichkeiten an Uferzonen und auf Inseln.
Greifvogel-Arena
Offene Arena für Flugvorführungen. Adler, Falken, Geier und Eulen zeigen natürliche Flugmanöver. Kommentierte Vorführungen vermitteln Artenschutzwissen.
Artenschutz und EEP bei Vögeln
Zahlreiche Vogelarten werden in Europäischen Erhaltungszuchtprogrammen (EEP) koordiniert gezüchtet. Vögel stellen nach Säugetieren die zweitgrösste Gruppe in den EEP-Programmen. Besonders bedeutsam sind Programme für:
| Art | IUCN-Status | EEP-Koordinator | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Bartgeier (Gypaetus barbatus) | Near Threatened | Alpenzoo Innsbruck | Über 300 Vögel in den Alpen ausgewildert seit 1986 |
| Waldrapp (Geronticus eremita) | Endangered | Alpenzoo Innsbruck | Wiederansiedlung mit menschengeführtem Vogelzug über die Alpen |
| Spixara (Cyanopsitta spixii) | Extinct in the Wild | ACTP Berlin | Wiederansiedlung in Brasilien seit 2022, über 200 Vögel in Zucht |
| Mandschurenkranich (Grus japonensis) | Endangered | Vogelpark Walsrode | Zuchtprogramm seit den 1980er Jahren |
| Humboldt-Pinguin (Spheniscus humboldti) | Vulnerable | Landau in der Pfalz | Über 1.000 Tiere in europäischen Zoos |
| Balistar (Leucopsar rothschildi) | Critically Endangered | Chester Zoo | Weniger als 50 Tiere in der Wildnis, Zucht und Auswilderung auf Bali |
| Philippinenadler (Pithecophaga jefferyi) | Critically Endangered | Philippine Eagle Foundation | Weniger als 800 Tiere in der Wildnis, grösster Raubvogel der Welt |
Zuchtbuchführer koordinieren die Verpaarung auf Basis genetischer Analysen und Stammbaum-Daten aus der ZIMS-Datenbank. Ziel ist der Erhalt einer genetisch gesunden Reservepopulation, die langfristig für Wiederansiedlungen genutzt werden kann. Die EAZA Silent Forest Campaign widmet sich dem Schutz asiatischer Singvögel, die durch illegalen Fang für den Käfigvogelhandel massiv bedroht sind. Die Zusammenarbeit zwischen Zoos, Forschungseinrichtungen und Naturschutzorganisationen ist dabei essenziell.
Quellen
- BMEL: Gutachten über Mindestanforderungen an die Haltung von Vögeln. Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.
- del Hoyo, J., Elliott, A., Sargatal, J. (Hrsg.): Handbook of the Birds of the World. 17 Bände. Lynx Edicions, Barcelona.
- Lantermann, W. (2009): Papageienkunde. Ulmer Verlag, Stuttgart.
- EAZA (2019): EAZA Best Practice Guidelines for Penguins. European Association of Zoos and Aquaria.
- EAZA Silent Forest Campaign: www.silentforest.eu
- BirdLife International: www.birdlife.org
- IUCN Red List: www.iucnredlist.org
- Pepperberg, I. M. (2009): Alex and Me. Harper Collins. Kognitive Fähigkeiten von Graupapageien.
- Vulture Conservation Foundation: www.4vultures.org (Bartgeier-Wiederansiedlung)
- BMLEH: Geflügelpest (Aviäre Influenza, HPAI). www.bmleh.de
Artporträts Vögel
Detaillierte Steckbriefe einzelner Vogelarten mit Informationen zu Haltung, Ernährung, Sozialverhalten und Besonderheiten in der Zootierpflege.