Tiergesundheit

Die Gesundheitsvorsorge und Krankheitserkennung gehören zu den wichtigsten Aufgaben des Tierpflegers. Wildtiere verbergen Krankheitssymptome oft lange, um nicht als schwaches Beutetier aufzufallen. Diese evolutionäre Strategie (Prey Masking) bedeutet, dass sichtbare Symptome häufig erst in einem fortgeschrittenen Krankheitsstadium auftreten. Der Tierpfleger ist meist die erste Person, die subtile Veränderungen bemerkt, und trägt damit eine hohe Verantwortung. Die tägliche aufmerksame Beobachtung jedes einzelnen Tieres ist daher die wichtigste Präventionsmassnahme in der Zootierhaltung.

Gesundheitszeichen und Normalwerte

Ein gesundes Tier zeigt: normalen Appetit und Trinkverhalten, klare Augen ohne Ausfluss, glattes Fell bzw. intaktes Gefieder, normalen Kotabsatz (artspezifisch), arttypisches Verhalten und Aktivitätsniveau, gute Körperkondition (weder zu mager noch zu fett), normale Atmung ohne Geräusche und intakte Schleimhäute (rosa, feucht).

Normalwerte-Tabelle

TierartKörpertemperaturPuls (Schläge/min)Atemfrequenz (Züge/min)
Afrikanischer Elefant35,5 bis 37,0 Grad C25 bis 354 bis 8
Löwe38,0 bis 39,5 Grad C40 bis 5010 bis 20
Wolf37,5 bis 39,0 Grad C70 bis 12015 bis 30
Pferd37,5 bis 38,5 Grad C28 bis 408 bis 16
Rind38,0 bis 39,0 Grad C40 bis 8012 bis 30
Gorilla36,0 bis 37,5 Grad C60 bis 8012 bis 20
Huhn (Referenz Vögel)40,5 bis 42,0 Grad C200 bis 40015 bis 30
Wellensittich40,0 bis 42,0 Grad C300 bis 50060 bis 80
Flamingo40,0 bis 41,5 Grad C150 bis 30015 bis 25
Schildkröte (bei 25 Grad C)Umgebungstemperatur20 bis 403 bis 5
Grüner LeguanUmgebungstemperatur50 bis 7010 bis 25

Hinweis zu ektothermen Tieren

Bei Reptilien, Amphibien und Fischen gibt es keine konstante Körpertemperatur, da diese von der Umgebungstemperatur abhängt. Hier sind andere Gesundheitsparameter relevanter: Hautfarbe und -beschaffenheit, Häutungserfolg, Kotkonsistenz (Urate sollten weiss sein, nicht gelb oder grünlich), Fressverhalten, Aktivitätslevel und Körperkondition. Die Messung der Umgebungstemperatur (Luft- und Wassertemperatur, Basking-Spot-Temperatur) ist dafür umso wichtiger, da eine falsche Umgebungstemperatur die häufigste Krankheitsursache bei Reptilien ist.

Krankheitserkennung

Verhaltensänderungen als Warnsignale

  • Futterverweigerung oder verändertes Fressverhalten (z.B. einseitiges Kauen bei Zahnproblemen)
  • Apathie, vermehrtes Liegen, Absonderung von der Gruppe
  • Vermehrtes Trinken (Polydipsie) kann auf Nierenprobleme oder Diabetes hindeuten
  • Lahmheit, Schonhaltung, Bewegungsunlust, steifer Gang
  • Änderung der Lautäusserungen (vermehrt, vermindert, verändert)
  • Aggressivität oder übermässige Zahmheit bei normalerweise scheuen Tieren (Tollwut-Verdacht)
  • Kratzen, Reiben, Scheuern an Gegenständen (Ektoparasiten, Hauterkrankungen)
  • Veränderter Schlaf-Wach-Rhythmus, Rastlosigkeit
  • Stereotypien, die neu auftreten oder sich verstärken

Körperliche Symptome

  • Nasen- oder Augenausfluss (serös: wässrig, klar; mukös: schleimig; purulent: eitrig, gelblich-grün)
  • Durchfall oder veränderter Kot (Farbe, Konsistenz, Beimengungen wie Blut, Schleim oder Würmer)
  • Erbrechen, Regurgitation (bei Vögeln: Unterscheidung zwischen normalem Fütterungsverhalten und pathologischem Erbrechen)
  • Husten, Niesen, Atemgeräusche (Rasseln, Pfeifen), Maulatmung (bei Reptilien und Vögeln Alarmsignal)
  • Schwellungen, Umfangsvermehrungen, Abszesse, Wunden
  • Haarausfall, stumpfes Fell, Schuppen, kahle Stellen, unvollständige Häutung
  • Gewichtsverlust (regelmässiges Wiegen wichtig) oder plötzliche Gewichtszunahme
  • Veränderte Schleimhautfarbe: blass (Anämie, Blutverlust), ikterisch/gelb (Leberprobleme), zyanotisch/blau (Sauerstoffmangel)
  • Aufgeplustertes Gefieder bei Vögeln (Thermoregulationsproblem, oft Zeichen von Krankheit)
  • Kloakenvorfall, Penisvorfall, Gebärmuttervorfall

Sofort den Tierarzt informieren bei

Akuter Atemnot, starken Blutungen, Bewusstlosigkeit, Krämpfen, Verdacht auf Knochenbrüche, Geburtsproblemen (Dystokie), akutem Durchfall mit Blut, plötzlichem Festliegen, Verdacht auf Vergiftung, plötzlichen Todesfällen im Bestand und Verdacht auf anzeigepflichtige Tierseuchen. In diesen Fällen ist sofortiges Handeln erforderlich. Der Tierpfleger sichert das Tier (ohne sich selbst zu gefährden) und leistet Erste Hilfe, bis der Tierarzt eintrifft.

Infektionskrankheiten

Viruserkrankungen

Viren sind obligate Zellparasiten, die sich nur in lebenden Zellen vermehren können. Gegen die meisten Viruserkrankungen gibt es keine spezifische Therapie, Impfungen sind aber für viele Krankheiten verfügbar. Wichtige virale Erkrankungen in der Zootierhaltung:

  • Tollwut (Rhabdovirus): Anzeigepflichtig, immer tödlich ohne Behandlung. Übertragung durch Biss. Impfung für Tierpfleger und gefährdete Tierarten essenziell.
  • Staupe (Paramyxovirus): Bei Caniden (Wolf, Fuchs), Musteliden (Marder, Otter, Frettchen) und Procyoniden (Waschbär). Symptome: Fieber, Nasen-/Augenausfluss, Durchfall, neurologische Störungen. Impfung verfügbar.
  • Aviäre Influenza (Influenza-A-Virus, Vogelgrippe): Anzeigepflichtig. Hochpathogene Stämme (H5N1, H5N8) mit bis zu 100% Mortalität bei Geflügel. Kann auf Menschen übertragen werden (Zoonose). Strenge Biosicherheitsmassnahmen bei Ausbrüchen.
  • EEHV (Elephant Endotheliotropic Herpesvirus): Hochgefährliche Herpesvirus-Infektion bei jungen Asiatischen Elefanten (1 bis 8 Jahre). Tödlichkeitsrate über 80%. Symptome: plötzliches Fieber, Ödeme, Zyanose der Zunge. Schnelle antivirale Therapie (Famciclovir) und Flüssigkeitstherapie können rettend sein.
  • Myxomatose (Myxomavirus): Bei Kaninchen. Schwere Schwellungen im Kopfbereich, eitrige Konjunktivitis. Fast immer tödlich. Impfung der Wildkaninchen in Streichelgehegen.
  • Chytridpilz (Batrachochytrium dendrobatidis, Bd): Kein Virus, aber eine der verheerendsten Infektionskrankheiten bei Amphibien weltweit. Verursacht die Chytridiomykose, die bereits zum Aussterben zahlreicher Froscharten geführt hat. Biosicherheit in Amphibienhäusern ist daher kritisch.

Bakterielle Erkrankungen

Bakterien sind einzellige Mikroorganismen, die sich ausserhalb von Zellen vermehren können. Wichtige bakterielle Erkrankungen:

  • Tuberkulose (Mycobacterium tuberculosis/bovis/avium): Besonders bei Primaten und Elefanten. Chronische Erkrankung mit Abmagerung, Husten. Zoonose! Regelmässige Tests bei Primaten und Personal (Tuberkulin-Test, Röntgen). Bei Elefanten: Rüsselspülproben.
  • Salmonellose (Salmonella spp.): Zoonose, meldepflichtig. Besonders häufig bei Reptilien (bis zu 90% der Reptilien sind Salmonellen-Träger ohne selbst zu erkranken). Übertragung fäkal-oral. Strikte Händehygiene nach Reptilienkontakt.
  • Pseudotuberkulose (Yersinia pseudotuberculosis): Häufig bei Nagetieren und Vögeln. Übertragung durch kontaminiertes Futter und Wasser (Wildmäuse als Reservoir). Akuter Verlauf mit plötzlichem Tod möglich.
  • Psittakose/Chlamydiose (Chlamydia psittaci): Bei Papageienvögeln, übertragbar auf Menschen (Zoonose). Übertragung durch Einatmen von kontaminiertem Staub. Symptome beim Vogel: Durchfall, Augenausfluss, Atemprobleme. Beim Menschen: schwere Lungenentzündung.
  • Clostridieninfektionen (Clostridium spp.): Botulismus (C. botulinum) bei Wasservögeln durch Aufnahme des Toxins aus kontaminiertem Wasser. Symptome: aufsteigende Lähmung ("Limber Neck"). Enterotoxämie (C. perfringens) bei Wiederkäuern.

Pilzerkrankungen (Mykosen)

Pilzinfektionen sind besonders bei immungeschwächten Tieren und in stressigen Haltungsbedingungen problematisch:

  • Aspergillose (Aspergillus fumigatus): Eine der häufigsten Todesursachen bei Greifvögeln und Pinguinen in menschlicher Obhut. Der Pilz befällt die Lunge und Luftsäcke. Prädisponierende Faktoren: Stress, Immunsuppression, schlechte Luftqualität, mangelnde Belüftung. Symptome: Atemnot, Leistungseinbruch, Abmagerung. Diagnose: Endoskopie, Röntgen, Blutuntersuchung (Aspergillus-Antikörper). Therapie: Langwierig (Antimykotika wie Voriconazol, Itraconazol).
  • Dermatomykosen (Trichophyton, Microsporum): Hautpilze, die ringförmige kahle Stellen verursachen. Zoonose! Übertragung durch direkten Kontakt oder kontaminierte Gegenstände. Häufig bei Igeln, Nagetieren, Rindern.
  • Candidose (Candida albicans): Hefepilzinfektion der Schleimhäute (Mund, Kropf, Darm). Häufig bei Handaufzuchten und immungeschwächten Vögeln.

Parasitologie

Parasitäre Erkrankungen sind in der Zootierhaltung allgegenwärtig und erfordern systematische Diagnostik und gezielte Bekämpfung.

Endoparasiten (Innenparasiten)

ParasitengruppeBeispieleBefallene TierartenSymptomeDiagnose
Spulwürmer (Ascariden)Toxocara, Toxascaris, Baylisascaris (Waschbärspulwurm, Zoonose!)Praktisch alle Säugetiere, VögelAbmagerung, stumpfes Fell, Durchfall, aufgeblähter Bauch (Jungtiere), Darmverschluss bei MassenbefallFlotationsverfahren (Kotuntersuchung), typische runde Eier
Bandwürmer (Cestoden)Echinococcus (Fuchsbandwurm, Hundebandwurm, extrem gefährliche Zoonose), Taenia, MonieziaSäugetiere, Vögel (Zwischenwirt/Endwirt-Zyklen)Oft symptomarm; Proglottiden im Kot oder Perianalgegend; bei Massenbefall AbmagerungProglottiden oder Eipakete im Kot; ELISA bei Echinococcus
Saugwürmer (Trematoden)Fasciola hepatica (Grosser Leberegel), SchistosomaSäugetiere, Reptilien, Amphibien (Schnecke als Zwischenwirt)Leberegel: Abmagerung, Ikterus, Bauchwassersucht. Lungenwürmer: Husten, AtemnotEier im Kot (Sedimentation), Blutuntersuchung
Kokzidien (Protozoen)Eimeria, Isospora, Cryptosporidium (Zoonose)Alle Wirbeltierklassen, besonders JungeWässriger bis blutiger Durchfall, Dehydration, Abmagerung, bei Jungtieren oft tödlichFlotation, Oozysten im Kot; bei Cryptosporidium: Spezialfärbung
Giardien (Protozoen)Giardia duodenalis (Zoonose)Säugetiere, besonders Primaten, JungtiereChronischer Durchfall, Malabsorption, GewichtsverlustELISA, Flotation (Zysten schwer zu finden)
BlutparasitenPlasmodium (Malaria bei Vögeln und Reptilien), Trypanosoma, BabesiaVögel (Avian Malaria bei Pinguinen!), Reptilien, SäugetiereAnämie, Apathie, plötzlicher Tod (Pinguine)Blutausstrich (Giemsa-Färbung), PCR

Ektoparasiten (Aussenparasiten)

ParasitBeschreibungBetroffene TiereBekämpfung
Zecken (Ixodidae)Blutsauger, übertragen Borreliose, Babesiose, FSME, Anaplasmose, EhrlichioseAlle Landsäugetiere, ReptilienManuelle Entfernung mit Zeckenzange (nicht quetschen), Spot-on-Präparate, Akarizide
MilbenRäudemilben (Sarcoptes: Grabmilbe, Demodex: Haarbalgmilbe), Rote Vogelmilbe (Dermanyssus gallinae), Schlangenmilbe (Ophionyssus natricis)Artspezifisch; Vogelmilbe befällt nachts, versteckt sich tagsüber in RitzenAkarizide, Umgebungsbehandlung (Ritzen, Spalten), bei Schlangenmilben: Ivermectin-Verdünnung
Flöhe (Siphonaptera)Artspezifische und wenig wirtsspezifische Arten, starker Juckreiz, AllergienSäugetiere, VögelSpot-on, Umgebungsbehandlung (Eiablage in der Umgebung, nicht am Tier)
Läuse und HaarlingeWirtsspezifisch; Läuse saugen Blut, Haarlinge fressen HautschuppenArtspezifischInsektizide, Ivermectin
Fliegenlarven (Myiasis)Fliegen legen Eier in Wunden oder verschmutzte Körperstellen; Larven fressen lebendes GewebeAlle Tierarten, besonders bei Wunden, Durchfall, verschmutztem FellManuelle Entfernung der Larven, Wundreinigung, Abdeckung. Prävention: Hygiene!

Regelmässige Kotuntersuchungen

In der Zootierhaltung sollten regelmässig Kotproben gesammelt und parasitologisch untersucht werden (mindestens vierteljährlich, bei Neuankömmlingen häufiger). Korrekte Probennahme: frischer Kot (nicht älter als wenige Stunden), Sammelkotprobe über drei Tage (um die intermittierende Eiausscheidung zu erfassen), kühle Lagerung (4 Grad Celsius) bis zur Untersuchung. Die Entwurmung erfolgt gezielt nach Befund (selektive Entwurmung), nicht pauschal, um Resistenzbildung zu vermeiden. Bei der Auswertung ist zu beachten, dass die Eizahl im Kot (EPG, Eggs Per Gram) nicht immer mit der Wurmbürde korreliert.

Zoonosen

Zoonosen sind Krankheiten, die zwischen Tier und Mensch übertragbar sind. Für Tierpfleger besteht ein erhöhtes Berufsrisiko. Kenntnis der wichtigsten Zoonosen und konsequente Hygiene sind unverzichtbar.

ZoonoseErregerÜbertragungSymptome beim MenschenPrävention
SalmonelloseSalmonella spp.Fäkal-oral, besonders bei Reptilien (bis zu 90% Träger)Durchfall, Fieber, BauchkrämpfeHändehygiene, Handschuhe bei Reptilienkontakt
ToxoplasmoseToxoplasma gondiiKatzenkot (Oozysten), rohes FleischMeist symptomlos; gefährlich für Schwangere (Schädigung des Fötus)Handschuhe bei Katzentoiletten, Schwangere nicht mit Katzenkot arbeiten lassen
TollwutRabiesvirusBiss, Speichelkontakt mit WundenImmer tödlich ohne rechtzeitige Behandlung (Enzephalitis)Impfung für Tierpfleger, Vorsicht bei Fledermäusen und Raubtieren
Aviäre InfluenzaInfluenza-A-VirusKontakt mit infiziertem Geflügel, Kot, SekreteGrippe-Symptome bis schwere PneumonieSchutzkleidung, Zugangsbeschränkung, Anzeigepflicht
PsittakoseChlamydia psittaciEinatmen von kontaminiertem StaubSchwere atypische Pneumonie, FieberStaubminimierung, Atemschutz bei Reinigung
TuberkuloseMycobacterium spp.Tröpfcheninfektion, besonders bei PrimatenChronische LungenentzündungRegelmässige Tests bei Primaten und Personal
LeptospiroseLeptospira spp.Kontakt mit kontaminiertem Wasser/UrinFieber, Leber-/Nierenschäden (Morbus Weil)Handschuhe, Stiefel, Nagetierbekämpfung
Affenpocken (Mpox)Monkeypox-VirusKontakt mit infizierten Nagetieren oder PrimatenFieber, Hautausschlag mit PustelnSchutzkleidung, Isolation verdächtiger Tiere
BaylisascarisBaylisascaris procyonisFäkal-oral (Waschbärkot)Schwere Larva migrans im ZNS (besonders bei Kindern gefährlich)Strikte Hygiene bei Waschbärgehegen, Kot täglich entfernen

Schutz für Tierpfleger

Tierpfleger sollten einen aktuellen Impfschutz gegen Tetanus, Tollwut und Hepatitis A/B haben. Bei Arbeit mit Primaten ist ein jährlicher Tuberkulose-Test erforderlich. Schwangere Mitarbeiterinnen dürfen nicht mit Katzen und Katzenkot (Toxoplasmose), nicht mit Schafen während der Lammzeit (Chlamydienabort/Q-Fieber) und nicht mit bestimmten Reptilien arbeiten. Bisswunden und Kratzer sind immer ernst zu nehmen und ärztlich zu versorgen, auch wenn sie oberflächlich erscheinen (Pasteurella-Infektion bei Katzenbissen, Aeromonas bei Reptilienbissen). Die persönliche Schutzausrüstung (PSA) umfasst je nach Bereich: Handschuhe, Stiefel, Schutzkleidung, Atemschutz. Die Hände sind nach jedem Tierkontakt und vor dem Essen gründlich zu waschen und zu desinfizieren.

Hygiene: Reinigung und Desinfektion

Grundprinzip

Reinigung entfernt sichtbaren Schmutz und einen Grossteil der Keime mechanisch. Desinfektion tötet oder inaktiviert verbliebene Krankheitserreger durch chemische oder physikalische Verfahren. Die Reinigung muss immer vor der Desinfektion erfolgen, da organische Verschmutzungen (Kot, Futterreste, Blut) die Wirksamkeit von Desinfektionsmitteln um bis zu 99% herabsetzen können (Eiweissfehler).

Reinigungsschritte

  1. Grobe Verschmutzung entfernen (Kot, Futter, Einstreu mechanisch mit Schaufel/Besen)
  2. Gründlich mit Wasser und Reinigungsmittel schrubben (Hochdruckreiniger bei glatten Flächen)
  3. Abspülen mit klarem Wasser
  4. Desinfektionsmittel in korrekter Konzentration aufbringen
  5. Einwirkzeit einhalten (je nach Mittel 15 bis 60 Minuten, nicht unterschreiten!)
  6. Abspülen (wenn erforderlich, je nach Desinfektionsmittel und Tierart)
  7. Trocknen lassen (Feuchtigkeit fördert Keimwachstum)

DVG-gelistete Desinfektionsmittel

Die Deutsche Veterinärmedizinische Gesellschaft (DVG) prüft und listet wirksame Desinfektionsmittel für den Tierhaltungsbereich. Nur DVG-gelistete Mittel bieten eine garantierte Wirksamkeit. Wichtig ist die Beachtung der korrekten Konzentration, Einwirkzeit und Temperatur (manche Mittel wirken bei Kälte nicht). Häufig eingesetzte Wirkstoffgruppen: Aldehyde (breites Wirkspektrum, aber toxisch), Peressigsäure (schnell wirksam, umweltfreundlich), quaternäre Ammoniumverbindungen (QAV, gute Verträglichkeit, aber eingeschränktes Wirkspektrum), Chlorverbindungen (kostengünstig, breites Spektrum, korrosiv). Die DVG-Desinfektionsmittelliste wird regelmässig aktualisiert und ist online abrufbar.

Quarantäne

Jedes Tier, das neu in einen Zoo kommt, muss eine Quarantänezeit durchlaufen. Die Quarantäne schützt den bestehenden Tierbestand vor eingeschleppten Krankheiten und ermöglicht eine gründliche Gesundheitsabklärung des Neuzugangs.

Quarantänemassnahmen

  • Isolierte Unterbringung in separaten Räumen (eigene Belüftung, kein direkter Kontakt zu anderen Tieren, idealerweise eigenes Gebäude)
  • Dauer: mindestens 30 Tage (bei bestimmten Krankheiten länger: 90 Tage bei Tuberkulose-Verdacht, 6 Monate bei Herpes B bei Makaken)
  • Eigene Reinigungsutensilien, Kleidung und Schuhwerk für den Quarantänebereich (Einwegkleidung oder separate Wäsche)
  • Der Quarantänebereich wird immer zuletzt betreten (nach Versorgung aller anderen Tiere)
  • Eingangsuntersuchung durch den Tierarzt: Allgemeinuntersuchung, Blutproben (Differentialblutbild, Serologie), Kotproben (Parasitologie, Bakteriologie), artspezifische Tests (TB bei Primaten, EEHV bei Elefanten)
  • Prophylaktische Entwurmung und Ektoparasitenbehandlung
  • Tägliche Dokumentation von Fressverhalten, Kotabsatz und Allgemeinbefinden
  • Erst nach negativen Befunden und Freigabe durch den Tierarzt erfolgt die Integration in den Bestand

Narkose und Immobilisation

Die Narkose (Allgemeinanästhesie) und die Immobilisation (chemische Ruhigstellung) werden vom Tierarzt durchgeführt. Der Tierpfleger unterstützt bei der Vorbereitung und Überwachung und ist für die Aufwachphase mitverantwortlich.

Aufgaben des Tierpflegers

  • Vorbereitung: Nahrungskarenz (artspezifisch: Primaten 12 Stunden, Wiederkäuer nur eingeschränkt fastet lassen, Reptilien 48 Stunden), Wasser bis kurz vor der Narkose anbieten
  • Gehege vorbereiten: Absperrung sicherstellen, gefährliche Gegenstände entfernen (Wasserbecken, Kletterstrukturen, von denen das Tier fallen könnte)
  • Unterstützung beim Narkosemittel-Einsatz: Blasrohr, Narkosegewehr, Handspritze (bei trainierten Tieren)
  • Überwachung während der Narkose: Atemfrequenz und -tiefe, Herzfrequenz (Pulsoximeter), Reflexe (Lidreflex, Zwischenzehenreflex), Körpertemperatur (rektales Thermometer), Schleimhautfarbe
  • Augenschutz: Augen mit Salbe befeuchten und abdecken (Lidreflex fällt in Narkose aus, Hornhaut trocknet aus)
  • Positionierung: Atemwege freihalten, bei Wiederkäuern Kopf tief lagern (Aspiration von Panseninhalt vermeiden)
  • Aufwachphase: Ruhige Umgebung, Verletzungsgefahr minimieren (weiche Polsterung), Tier nicht allein lassen, dokumentieren wann erste Reaktionen auftreten

Narkoserisiko

Jede Narkose birgt Risiken. Besonders gefährdet sind: Giraffen (hoher Blutdruck, Kreislaufprobleme in Seitenlage), Menschenaffen (ähnliche Risiken wie beim Menschen, Aspirationsgefahr), Reptilien (langsame Metabolisierung, Narkosedauer schwer steuerbar), sehr alte oder vorerkrankte Tiere und Tiere unter Stress. Der Tierpfleger muss über den genauen Narkoseablauf informiert sein, die verwendeten Medikamente kennen (für den Notfall: wo liegt das Antidot?) und das Verhalten nach der Narkose engmaschig überwachen. Bei Grossraubtieren und Elefanten muss ein Notfallprotokoll bereitliegen.

Impfungen und Prophylaxe

Impfungen stimulieren das Immunsystem zur Bildung von Antikörpern. In der Zootierhaltung werden Impfungen vor allem bei Säugetieren eingesetzt, zunehmend aber auch bei Vögeln und Reptilien.

  • Tollwut: Raubtiere, Primaten, Fledermäuse (Totimpfstoff)
  • Staupe: Caniden, Musteliden, Procyoniden (Lebendimpfstoff nur für Haushunde sicher; bei Wildtieren rekombinante Impfstoffe verwenden!)
  • Tetanus: Pferde, Esel, Kamele
  • Clostridienerkrankungen: Wiederkäuer
  • West-Nil-Virus: Pferde, zunehmend auch bei Vögeln empfohlen
  • Aviäre Influenza: In manchen Zoos Impfung von Geflügel bei Ausbruchsgeschehen

Der Impfplan wird vom Zoo-Tierarzt erstellt und orientiert sich an den Empfehlungen der EAZWV (European Association of Zoo and Wildlife Veterinarians). Der Tierpfleger dokumentiert die Impftermine und achtet auf mögliche Impfreaktionen (Schwellung, Fieber, Apathie in den ersten 24 bis 48 Stunden).

Erste Hilfe am Tier

In Notfällen muss der Tierpfleger Erste Hilfe leisten, bis der Tierarzt eintrifft. Dabei steht die Sicherheit des Pflegepersonals immer an erster Stelle.

  1. Eigensicherung: Kein unkontrollierter Kontakt mit verletzten oder panischen Tieren. Gefährliche Tiere zuerst absperren.
  2. Situation beurteilen und sofort den Tierarzt benachrichtigen (Telefon, Funk)
  3. Tier beruhigen: Ruhige Umgebung schaffen, Abdunkeln, Lärmvermeidung, Besucher fernhalten
  4. Blutungen: Druckverband anlegen (wenn sicher möglich), Tourniquet nur als letztes Mittel
  5. Schock: Tier warm halten (Decke), Ruhe bewahren, nicht füttern
  6. Frakturverdacht: Tier nicht bewegen, Gliedmasse nicht manipulieren, Schienung nur durch den Tierarzt
  7. Ertrinkung: Tier aus dem Wasser bergen, bei Vögeln kopfüber halten (Wasser aus Luftsäcken ablaufen lassen)
  8. Dokumentation: Alles festhalten: Zeitpunkt, beobachtete Symptome, eingeleitete Massnahmen

Quellen und weiterführende Literatur

  • Fowler, M.E. & Miller, R.E. (2014): Zoo and Wild Animal Medicine. 8. Auflage, Saunders/Elsevier.
  • West, G., Heard, D. & Caulkett, N. (2014): Zoo Animal and Wildlife Immobilization and Anesthesia. 2. Auflage, Wiley-Blackwell.
  • Deplazes, P. et al. (2020): Lehrbuch der Parasitologie für die Tiermedizin. 4. Auflage, Enke Verlag.
  • Deutsche Veterinärmedizinische Gesellschaft (DVG): Desinfektionsmittelliste für den Tierhaltungsbereich. dvg.net.
  • European Association of Zoo and Wildlife Veterinarians (EAZWV): Guidelines for Zoo Animal Health.
  • Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Zoonosen-Informationen.
  • Robert Koch-Institut (RKI): Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten.
  • Woodford, M.H. (2001): Quarantine and Health Screening Protocols for Wildlife prior to Translocation. IUCN/SSC.