Aquaristik

Die Aquaristik ist ein wesentlicher Bestandteil der modernen Zootierhaltung. Viele Zoos und Tierparks unterhalten umfangreiche Aquarienabteilungen, die von der heimischen Süsswasserfauna bis hin zu tropischen Korallenriffen reichen. Für Tierpfleger in der Fachrichtung Wildtiere ist ein fundiertes Wissen über aquatische Systeme unverzichtbar, da die Pflege von Fischen, wirbellosen Meerestieren und aquatischen Lebensräumen spezielle technische und biologische Kenntnisse erfordert.

Süsswasser-Aquaristik

Die Süsswasser-Aquaristik bildet den grössten Bereich der Aquarienhaltung und bietet eine enorme Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten und Tierarten. Die verschiedenen Aquarientypen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Zielsetzung und der gehaltenen Arten.

Gesellschaftsaquarium

Das Gesellschaftsaquarium beherbergt verschiedene Fischarten aus unterschiedlichen Herkunftsgebieten, die ähnliche Ansprüche an Wasserparameter, Temperatur und Verhalten stellen. Die Vergesellschaftung erfordert genaue Kenntnis der Sozialstrukturen und des Aggressionspotenzials jeder Art. Typische Bewohner sind Salmler, Bärblinge, Welse, Zwergbuntbarsche und lebendgebärende Zahnkarpfen. Das Gesellschaftsaquarium eignet sich besonders für die Umweltbildung in Zoos, da es die Artenvielfalt tropischer Gewässer auf kleinem Raum darstellen kann.

Biotopaquarium

Im Biotopaquarium werden ausschliesslich Arten gehalten, die in der Natur gemeinsam vorkommen. Die gesamte Einrichtung orientiert sich am natürlichen Habitat: Bodengrund, Pflanzen, Wurzeln, Steine und Wasserchemie entsprechen dem Herkunftsbiotop. Beispiele sind ein Schwarzwasser-Aquarium (Amazonas mit Salmler, Zwergbuntbarschen, Harnischwelsen, Moorkienholz und Falllaub), ein Tanganjikasee-Biotop (Felsenzone mit Buntbarschen) oder ein Südostasiatisches Bachbiotop (Bärblinge, Schmerlen, Strömung). Biotopaquarien sind in modernen Zoos der bevorzugte Ansatz, da sie ökologische Zusammenhänge vermitteln.

Zuchtaquarium

Zuchtaquarien dienen der gezielten Vermehrung bestimmter Arten, häufig im Rahmen von Artenschutzprogrammen. Sie sind funktional eingerichtet: Ablaichgitter, Aufzuchtbecken, Trenngitter und spezielle Belüftung. In Zoos werden Zuchtaquarien für bedrohte Süsswasserarten eingesetzt, etwa für Goodeiden (Hochlandkärpflinge aus Mexiko), Regenbogenfische aus Neuguinea oder einheimische Arten wie den Europäischen Stör.

Meerwasser-Aquaristik

Die Meerwasser-Aquaristik ist technisch anspruchsvoller als die Süsswasser-Aquaristik und erfordert ein tiefes Verständnis der marinen Wasserchemie. Der Gesamtsalzgehalt von Meerwasser beträgt konstant rund 36 Gramm pro Liter (Salinität 35 ppt).

FOWLR (Fish Only With Live Rock)

FOWLR-Aquarien halten ausschliesslich Fische zusammen mit lebendem Gestein (Live Rock), das als biologischer Filter dient. Sie sind weniger lichtintensiv als Riffaquarien und eignen sich für die Haltung grösserer Raubfische wie Muränen, Feuerfische oder Drückerfische, die in einem Riffaquarium Korallen beschädigen würden.

Riffaquarium

Das Riffaquarium bildet ein tropisches Korallenriff nach und beherbergt neben Fischen vor allem Steinkorallen, Weichkorallen, Anemonen und wirbellose Tiere wie Garnelen, Einsiedlerkrebse und Seeigel. Die Haltung von Korallen erfordert sehr stabile Wasserparameter, intensive Beleuchtung mit dem richtigen Spektrum und eine starke Strömung. Steinkorallen benötigen hohe Kalzium- und Magnesiumwerte im Wasser sowie eine stabile Alkalinität (KH).

Grossaquarium im Zoo

Zoo-Grossaquarien fassen mehrere tausend bis hunderttausend Liter und beherbergen Haie, Rochen, Schwarmfische und grosse Knochenfische. Die technischen Anforderungen sind enorm: Lebenserhaltungssysteme mit mehreren Filterstufen, Proteinabschäumer im industriellen Massstab, UV-Entkeimer, Ozonisierung und automatische Dosiersysteme für Wasserparameter. Tierpfleger in Zoo-Aquarien müssen auch Tauchscheine besitzen, da die Reinigung und Wartung der Becken regelmässige Tauchgänge erfordert.

Technik

Filtersysteme

Die Filterung ist das Herzstück jedes Aquariums und dient der mechanischen, biologischen und chemischen Wasseraufbereitung.

Beleuchtung

Heizung und Kühlung

Tropische Süsswasserfische benötigen in der Regel Temperaturen zwischen 24 und 28 Grad Celsius. Regelheizer mit integriertem Thermostat sind Standard. In Grossaquarien kommen Durchlauferhitzer oder Wärmetauscher zum Einsatz. Die Kühlung ist besonders in der Meerwasser-Aquaristik wichtig, da viele Korallen Temperaturen über 28 Grad Celsius nicht vertragen. Aquarienkühler arbeiten nach dem Prinzip einer Klimaanlage und können die Wassertemperatur um mehrere Grad senken.

Strömungspumpen

Strömungspumpen erzeugen die für viele aquatische Organismen lebenswichtige Wasserbewegung. Im Riffaquarium simulieren sie die natürliche Strömung an einem Korallenriff und transportieren Nahrung zu sessilen Organismen. Moderne Pumpen können verschiedene Strömungsmuster erzeugen (Wellen, Gezeiten, Pulse). Im Süsswasser-Biotopaquarium sorgen sie für die Simulation von Flussbiotopen.

Wasserchemie

Der Stickstoffkreislauf

Der Stickstoffkreislauf ist der wichtigste biologische Prozess in jedem Aquarium. Er beschreibt den bakteriellen Abbau stickstoffhaltiger Abfallstoffe in mehreren Stufen:

  1. Ammonifikation: Fischausscheidungen, Futterreste und abgestorbene Pflanzenteile werden von heterotrophen Bakterien in Ammonium (NH4+) bzw. Ammoniak (NH3) zerlegt. Bei einem pH-Wert unter 7 liegt überwiegend das relativ ungiftige Ammonium vor, bei pH über 7 steigt der Anteil des hochgiftigen Ammoniaks.
  2. Nitrifikation (1. Stufe): Nitrosomonas-Bakterien oxidieren Ammonium zu Nitrit (NO2-). Nitrit ist für Fische sehr giftig: Bereits ab 0,5 mg/l kann es zu Vergiftungserscheinungen kommen (Methämoglobinbildung, die den Sauerstofftransport im Blut blockiert).
  3. Nitrifikation (2. Stufe): Nitrobacter-Bakterien oxidieren Nitrit zu Nitrat (NO3-). Nitrat ist in geringen Konzentrationen relativ ungefährlich und wird durch regelmässigen Wasserwechsel oder Denitrifikation entfernt.
  4. Denitrifikation: Unter sauerstoffarmen Bedingungen (anaerob) wandeln Bakterien Nitrat zu gasförmigem Stickstoff (N2) um, der aus dem Wasser entweicht. Dieser Prozess findet in tiefen Sandschichten, speziellem Filtermaterial oder Wodka-/Kohlenstoff-Dosierung statt.

Die beteiligten Bakterien benötigen viel Sauerstoff. Das Filtermaterial muss daher ständig durchströmt werden. Die Einfahrphase eines neuen Aquariums dauert vier bis sechs Wochen, bis sich stabile Bakterienkulturen etabliert haben.

Wichtige Wasserparameter

pH-Wert: Gibt an, ob das Wasser sauer (unter 7), neutral (7) oder alkalisch (über 7) ist. Süsswasserfische: je nach Herkunft pH 5,5 bis 8,5. Meerwasser: pH 8,0 bis 8,4. KH (Karbonathärte): Puffert den pH-Wert und verhindert pH-Stürze. Süsswasser: 3 bis 15 dKH. Meerwasser: 7 bis 12 dKH. GH (Gesamthärte): Gibt den Gehalt an Kalzium- und Magnesiumionen an. Weichwasserfische (Salmler, Diskus): GH 2 bis 10. Hartwasserfische (Malawibuntbarsche): GH 10 bis 25. Redoxpotenzial: Misst die Fähigkeit des Wassers zur Oxidation. Meerwasser: 300 bis 400 mV optimal. Leitwert: Gibt die Gesamtkonzentration gelöster Ionen an. Nützlich zur schnellen Kontrolle der Wasserqualität.

Fischkrankheiten und Behandlung

Die Erkennung und Behandlung von Fischkrankheiten gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Aquaristik-Tierpflegers. Eine gründliche tägliche Beobachtung der Tiere ist die Grundlage der Gesundheitsvorsorge.

KrankheitErregerSymptomeBehandlung
Weissfleckenkrankheit (Ichthyo)Ichthyophthirius multifiliisWeisse Pünktchen auf Haut und Flossen, ScheuernTemperaturerhöhung auf 30 Grad Celsius, Malachitgrün, Kupfersulfat
BauchwassersuchtBakterien (Aeromonas u. a.)Aufgeblähter Bauch, abstehende Schuppen, ApathieAntibiotische Behandlung (Tierarzt), Quarantäne
FlossenfäuleBakterien (Flavobacterium)Aufgelöste, zerfranste FlossenränderWasserqualität verbessern, antibakterielle Behandlung
Samtkrankheit (Oodinium)Piscinoodinium pillulareFeiner goldener Belag auf der Haut, AtemnotKupfer-basierte Medikamente, Abdunklung
KiemenwürmerDactylogyrus spp.Beschleunigte Atmung, Kiemendeckel abstehendPraziquantel, Flubendazol

In Zoo-Aquarien ist die prophylaktische Quarantäne jedes Neuzugangs Standard. Neue Fische werden mindestens zwei bis vier Wochen in einem separaten Quarantänebecken gehalten und beobachtet, bevor sie in die Schauanlage eingesetzt werden. Medikamentöse Behandlungen erfolgen immer in Absprache mit dem Zootierarzt.

Fütterung

Die artgerechte Ernährung von Aquarientieren ist entscheidend für Gesundheit, Färbung, Wachstum und Fortpflanzungsbereitschaft. In der Zoo-Aquaristik wird eine möglichst abwechslungsreiche Fütterung angestrebt.

Lebendfutter

Lebendfutter ist die natürlichste Futterform und stimuliert das Jagdverhalten. Gängige Lebendfuttertiere sind Artemia-Nauplien (Salinenkrebschen, besonders für Jungfische), Daphnien (Wasserflöhe), Cyclops (Hüpferlinge), Tubifex (Schlammröhrenwürmer, nur aus sauberer Quelle), Mückenlarven (rote, weisse, schwarze) und Enchyträen (kleine Borstenwürmer). In Zoos wird Lebendfutter teilweise selbst gezüchtet, um eine sichere, parasitenfreie Quelle zu haben.

Frostfutter

Frostfutter bietet die Nährstoffdichte von Lebendfutter bei geringerem Krankheitsrisiko. Gängige Sorten sind gefrorene Mysis, Artemia, Krill, Muschelfleisch, Fischfilet und spezielle Mischungen für Korallen. Frostfutter muss vor dem Verfüttern aufgetaut und idealerweise mit Frischwasser gespült werden, um die Flüssigkeit (Phosphat-belastet) zu entfernen.

Trockenfutter

Trockenfutter in Form von Flocken, Granulat, Pellets, Tabletten und Sticks ist die praktischste Futterform und bildet in vielen Zoos die Basisernährung. Hochwertiges Trockenfutter enthält Fischmehl, Spirulina, Astaxanthin (Farbverstärkung), Vitamine und Mineralien. Pflanzenfresser erhalten spezielles Grünfutter-Granulat mit hohem Algenanteil.

Selbstzucht von Artemia

Artemia-Nauplien (frisch geschlüpfte Salinenkrebschen) sind das Standardfutter für Fischlarven und kleine Fischarten. Die Zucht ist einfach: Artemia-Eier (Zysten) werden in Salzwasser (ca. 30 Gramm Salz pro Liter) bei 25 bis 28 Grad Celsius und starker Belüftung angesetzt. Nach 24 bis 48 Stunden schlüpfen die Nauplien, die durch ein feines Sieb abgetrennt und verfüttert werden. In Zoo-Aquarien werden oft mehrere Ansätze zeitversetzt betrieben, um eine kontinuierliche Versorgung sicherzustellen.

Quellen und weiterführende Literatur

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