Fische in der Wildtierpflege

Fische bilden mit über 35.000 beschriebenen Arten die artenreichste Wirbeltiergruppe. Die Aquaristik verbindet biologisches Fachwissen mit technischem Know-how und erfordert ein tiefes Verständnis von Wasserchemie, Filtertechnik und den ökologischen Ansprüchen der gehaltenen Arten. In Schauaquarien und Zoos reicht das Spektrum von kleinen Süsswasserbecken bis zu riesigen Meerwasseranlagen mit Haien und Rochen.

Der Beruf des Tierpflegers in der Aquaristik erfordert täglich präzise Messungen der Wasserparameter, Wartung der technischen Anlagen, Fütterung und Gesundheitskontrolle. Fehlerhafte Wasserwerte können innerhalb weniger Stunden zum Tod ganzer Fischbestände führen. Moderne Grossaquarien nutzen computergestützte Überwachungssysteme, die Wasserwerte in Echtzeit messen und bei Abweichungen Alarm schlagen.

Süsswasserfische

Süsswasserfische machen etwa 40% aller Fischarten aus, obwohl Süsswasser nur 1% der globalen Wasserfläche darstellt. In der Zooaquaristik werden Fische aus tropischen, subtropischen und gemässigten Gewässern gehalten. Biotopaquarien, die den natürlichen Lebensraum nachbilden, sind der moderne Standard.

Buntbarsche (Cichlidae)

Cichliden gehören zu den artenreichsten Fischfamilien mit über 3.000 Arten. Besonders die Arten der ostafrikanischen Grabenseen (Malawi-, Tanganjika- und Victoriasee) zeigen eine beeindruckende adaptive Radiation. Maulbrüter aus dem Malawisee halten ihre Eier und Larven im Maul. Tanganjikasee-Cichliden zeigen extreme Spezialisierungen: Schneckenbarsche leben in leeren Schneckengehäusen, Frontosa besiedeln tiefe Zonen. Die Haltung erfordert steinreiche Aquarien mit vielen Verstecken und harten, alkalischen Wasserwerten (pH 7,8-8,6, GH 10-25 dGH).

Südamerikanische Cichliden wie Diskusfische, Skalare, Oscars und Erdfresser (Geophagus) benötigen weiches, saures Wasser (pH 5,5-7,0, GH 2-10 dGH). Diskusfische sind besonders anspruchsvoll und benötigen Temperaturen von 28-30 Grad Celsius sowie hervorragende Wasserqualität. Die Victoriasee-Cichliden sind durch die invasive Nilbarsch-Einführung massiv bedroht. Viele Arten existieren nur noch in Zoos und werden im Rahmen des EAZA Cichlid EEP koordiniert gezüchtet.

Welse (Siluriformes)

Welse bilden eine der grössten Fischordnungen mit über 3.000 Arten. In Schauaquarien werden Panzerwelse (Corydoras), L-Welse (Loricariidae), Antennenwelse, Rotschwanz-Riesenwelse (Phractocephalus hemioliopterus) und Europäische Welse (Silurus glanis, bis 3 m) gehalten. Viele Welse sind dämmerungs- oder nachtaktiv und benötigen Höhlen als Rückzugsort. Saugwelse (Hypostomus, Panaque) raspeln Holz und benötigen Wurzelholz im Becken als Nahrungsergänzung und Verdauungshilfe.

Salmler (Characiformes)

Neonfische, Rote Neons, Piranhas und Pacus sind bekannte Vertreter. Neon- und Rote Neons sind Schwarmfische und müssen in Gruppen von mindestens 10 Tieren gehalten werden, um natürliches Schwarmverhalten zu zeigen. Piranhas (Pygocentrus nattereri) sind in Gruppen von 6-10 Tieren am besten aufgehoben. Vereinzelte Piranhas sind stressanfällig und aggressiver. Der Rote Piranha ist weniger gefährlich als sein Ruf: Angriffe auf Menschen sind extrem selten und kommen fast nur bei extremem Niedrigwasser vor.

Typische Süsswasser-Biotopaquarien

  • Amazonas-Biotop: Weiches, saures Wasser (pH 5,5-6,5), Wurzeln, Schwimmpflanzen, gedämpftes Licht. Besatz: Salmler, Skalare, Panzerwelse, L-Welse, Süsswasserrochen.
  • Malawisee-Biotop: Hartes, alkalisches Wasser (pH 7,8-8,6), Steinaufbauten. Besatz: Mbuna-Cichliden, Utaka. Hohe Besatzdichte zur Aggressionsverteilung.
  • Tanganjikasee-Biotop: Hartes Wasser, Sand, Schneckengehäuse, Felsen. Besatz: Schneckenbarsche, Julidochromis, Frontosa.
  • Südostasien-Biotop: Mittelhartes Wasser, dichte Bepflanzung. Besatz: Barben, Fadenfische, Schmerlen.
  • Westafrikanisches Schwarzwasser-Biotop: Sehr weiches, saures Wasser (pH 4,5-6,0), Torffilterung, Laub, Wurzeln. Besatz: Killifische, Zwergcichliden.

Karpfenfische (Cypriniformes)

Koi (Cyprinus carpio), Goldfische (Carassius auratus) und Bitterling (Rhodeus amarus) gehören zu den bekanntesten Cypriniden. Koi werden in grossen Aussenbecken und Teichanlagen gehalten und können über 80 Jahre alt werden. Asiatische Barben wie die Sumatrabarbe, Purpurkopfbarbe und Prachtbarbe benötigen warmes, gut bepflanztes Wasser. Schmerlen (Botia, Chromobotia) sind gesellige Fische, die in Gruppen von mindestens 5 Tieren gehalten werden sollten. Der Clownschmerle (Chromobotia macracanthus) kann über 30 cm gross werden und ist ein langlebiger Fisch (bis 20 Jahre).

Meerwasserfische

Die Meerwasseraquaristik ist technisch anspruchsvoller als die Süsswasseraquaristik. Die Herstellung und Aufrechterhaltung von künstlichem Meerwasser erfordert spezielle Salzanmischungen, eine Salinität von 33-35 Promille und extrem stabile Wasserparameter. Schwankungen, die im Süsswasser toleriert werden, können im Meerwasser fatale Folgen haben.

Anemonenfische (Amphiprioninae)

Anemonenfische leben in Symbiose mit Seeanemonen. Der Clownfisch (Amphiprion ocellaris) ist weltbekannt. Anemonenfische sind protandrische Hermaphroditen: Alle Tiere werden als Männchen geboren, und das dominante Tier wandelt sich zum Weibchen um. Stirbt das Weibchen, wird das ranghöchste Männchen zum neuen Weibchen. Die Haltung mit einer passenden Anemone (Heteractis magnifica, Entacmaea quadricolor) ist ideal. Nachzuchten aus Aquakultur sind mittlerweile Standard und reduzieren den Druck auf Wildpopulationen.

Doktorfische (Acanthuridae)

Palettendoktorfisch (Paracanthurus hepatus), Gelber Segelflossen-Doktorfisch (Zebrasoma flavescens) und Nasendoktorfisch (Naso lituratus) sind beliebte Schauaquarienfische. Doktorfische benötigen grosse Schwimmräume (Beckenlänge mindestens 2 m für grosse Arten) und sind anfällig für Cryptocaryon irritans (Meerwasser-Ichthyophthirius). Sie besitzen einen scharfen, skalpellartigen Dorn an der Schwanzwurzel, der bei Handling-Versuchen schmerzhafte Verletzungen verursachen kann.

Weitere Meerwasserfische

Kaiserfische (Pomacanthidae): Farbenprächtige Riffbewohner, die grosse Aquarien benötigen. Viele Arten ändern ihre Färbung vom Juvenil- zum Adultstadium drastisch. Der Imperator-Kaiserfisch (Pomacanthus imperator) zeigt als Jungtier blaue Spiralmuster und als Adulttier gelb-blaue Längsstreifen.

Lippfische (Labridae): Putzerlippfische (Labroides dimidiatus) entfernen Parasiten von grösseren Fischen und betreiben regelrechte Putzerstationen. Napoleon-Lippfische (Cheilinus undulatus) werden in Grossaquarien gehalten und können über 2 m lang werden. Sie sind CITES-Anhang-II-Art.

Muränen (Muraenidae): Nachtaktive Raubfische, die in Felsspalten leben. Grüne Muräne und Netzmuräne sind gängige Aquarienarten. Kräftige Kiefer, manche Arten mit toxischem Schleim. Fütterung mit Zangenstütze.

Haie und Rochen

Haie und Rochen (Elasmobranchii) gehören zu den charismatischsten Bewohnern grosser Schauaquarien. Ihre Haltung erfordert enorme Beckenvolumina, leistungsfähige Filteranlagen und spezialisiertes Fachwissen.

Haltung in Grossaquarien

Schwarzspitzenriffhaie, Weissspitzenriffhaie, Ammenhaie, Zebrahaie und Sandtigerhaie sind die häufigsten in Aquarien gehaltenen Arten. Beckenvolumina reichen von 500.000 Litern für kleinere Riffhaie bis zu mehreren Millionen Litern für Grossanlagen. Der Walhai wird nur in wenigen asiatischen und amerikanischen Grossaquarien gehalten (Georgia Aquarium, Okinawa Churaumi). Haie navigieren mit einem hochempfindlichen Elektrosinn (Lorenzinische Ampullen) und werden durch elektrische Felder in ihrer Umgebung beeinflusst. Metallgegenstände im Becken müssen daher sorgfältig gewählt werden.

Rochen (Stechrochen, Adlerrochen) benötigen grosse Sandflächen zum Eingraben und freien Schwimmraum. Süsswasserrochen der Gattung Potamotrygon werden in Süsswasseraquarien gehalten und sind bei Stich giftig. Ihr Gift verursacht extrem schmerzhafte, schlecht heilende Wunden.

Sicherheit bei Haien und Rochen

  • Taucharbeiten in Haibecken erfordern spezielle Ausbildung, Risikoanalyse und Buddy-System
  • Bestimmte Haiarten können während der Fütterung aggressiv werden
  • Rochen besitzen giftige Stacheln am Schwanz
  • Elektrorochen können schmerzhafte Stromschläge verursachen (bis 220 Volt)
  • Alle Tauchgänge werden protokolliert und ein Rettungstaucher steht bereit
  • Kettenhemd-Handschuhe beim Handling von Haien empfohlen
  • Fütterung erfolgt mit Zielstab (Target-Feeding), um gezielt jedes Tier zu versorgen

Fütterung

Haie fressen Fisch, Tintenfisch und Krustentiere. Die Fütterung erfolgt 2-3 mal wöchentlich mit Zielstab (Target-Feeding), um sicherzustellen, dass jedes Tier ausreichend frisst und keine Futterkonkurrenz entsteht. Vitaminpräparate werden in den Fisch eingesteckt. Haie haben einen langsamen Stoffwechsel und benötigen nur etwa 1-3% ihres Körpergewichts an Futter pro Woche.

Aquarientechnik

Filtersysteme

Filtertyp Funktion Einsatzbereich
Mechanischer Filter Entfernt Partikel und Schwebstoffe (Filterwatte, Schwamm, Vlies) Alle Aquarien, Vorfilterung
Biologischer Filter Abbau von Ammoniak zu Nitrit zu Nitrat durch Bakterien (Nitrifikation) Alle Aquarien, Hauptfilterung
Rieselfilter Hohe Sauerstoffanreicherung, grosse biologische Oberfläche Grossaquarien, Meerwasser
Eiweissabschäumer Entfernt gelöste organische Verbindungen durch Schaum Meerwasseraquarien (Pflicht)
UV-Klärer Abtötung von Keimen und Algen durch UV-C-Strahlung Grossaquarien, Quarantäne
Ozonisierung Oxidation von Schadstoffen, Keimreduktion Grossaquarien, Meerwasser
Aktivkohle Adsorption von gelösten Stoffen, Medikamenten, Gelbstoffen Süsswasser und Meerwasser
Nitratfilter (Denitrifikation) Reduktion von Nitrat zu Stickstoff unter anaeroben Bedingungen Grossanlagen, empfindliche Meerwasserbecken

Wasserchemie

Die Wasserchemie ist das Fundament erfolgreicher Fischhaltung. Regelmässige Messung und Dokumentation der Wasserparameter gehört zu den täglichen Pflichten des Aquaristikers.

Der Stickstoffkreislauf

Der Stickstoffkreislauf ist der wichtigste biochemische Prozess im Aquarium. Fischausscheidungen und Futterreste setzen giftiges Ammoniak (NH3) frei. Nitrosomonas-Bakterien wandeln Ammoniak zu ebenfalls giftigem Nitrit (NO2) um. Nitrobacter-Bakterien oxidieren Nitrit zu vergleichsweise ungefährlichem Nitrat (NO3). Nitrat wird durch Wasserwechsel entfernt oder in Grossanlagen durch Denitrifikationsfilter zu Stickstoff (N2) reduziert. Die Einfahrphase eines neuen Aquariums (2-6 Wochen) dient dem Aufbau dieser Bakterienkolonien im Filter. Während dieser Phase dürfen keine empfindlichen Fische eingesetzt werden. Nitrit ist das gefährlichste Zwischenprodukt: Bereits 0,1 mg/l kann für Fische tödlich sein (Methämoglobin-Bildung, Braunfärbung des Blutes).

Parameter Süsswasser (tropisch) Meerwasser Messmethode
pH-Wert 6,0-8,0 (artabhängig) 8,0-8,4 Tropfentest, Elektrode
Gesamthärte (GH) 2-25 dGH (artabhängig) nicht relevant Tropfentest
Karbonathärte (KH) 3-15 dKH 7-10 dKH Tropfentest
Ammoniak (NH3) nicht nachweisbar nicht nachweisbar Tropfentest, Photometer
Nitrit (NO2) unter 0,1 mg/l nicht nachweisbar Tropfentest, Photometer
Nitrat (NO3) unter 50 mg/l unter 10 mg/l Tropfentest, Photometer
Salinität 0 Promille 33-35 Promille Refraktometer
Sauerstoff mindestens 5 mg/l mindestens 6 mg/l Oxymeter

Quarantäne und Fischkrankheiten

Jeder Neuzugang muss vor der Eingliederung in den Bestand eine Quarantäneperiode (mindestens 4 Wochen) in einem separaten Becken durchlaufen. Das Quarantänebecken ist einfach eingerichtet (kein Bodengrund, PVC-Rohre als Verstecke), leicht zu desinfizieren und mit einem eigenen Filtersystem ausgestattet.

Ichthyophthirius (Weisspunktenkrankheit)

Häufigste Süsswasserkrankheit. Weisse Punkte auf Haut und Flossen. Behandlung: Temperatur erhöhen auf 30 Grad (wenn artverträglich), Malachitgrün-Oxalat oder Kupfersulfat.

Bauchwassersucht

Aufgeblähter Bauch, abstehende Schuppen (Tannenzapfen-Syndrom). Bakterielle Infektion (Aeromonas). Oft nicht heilbar. Antibiotika-Bad in frühen Stadien.

Flossenfäule

Bakterielle Infektion der Flossen (Aeromonas, Pseudomonas). Ausgefruste Flossenränder. Behandlung: Wasserqualität verbessern, Antibiotika-Bad.

Cryptocaryon (Meerwasser-Ichthyo)

Meerwasser-Äquivalent der Weisspunktenkrankheit. Behandlung schwieriger als im Süsswasser. Kupferbasierte Medikamente (nicht riffverträglich) oder Formalin.

Samtkrankheit (Oodinium)

Feiner, goldener Belag auf der Haut. Dinoflagellaten-Parasit. Letal wenn unbehandelt. Behandlung: Kupfer, Dunkelstellung (Parasit ist lichtabhängig).

Kiemenwürmer (Dactylogyrus)

Parasitische Würmer an den Kiemen. Beschleunigte Atmung, Kiemendeckel gespreizt. Behandlung: Praziquantel-Bad.

Futterarten

Lebendfutter

Lebendfutter ist die natürlichste Ernährungsform und regt die Jagdinstinkte an. Gängige Lebendfuttertiere sind: Artemia-Nauplien (für Jungfische), Wasserflöhe (Daphnia), Mückenlarven (weisse, rote, schwarze), Tubifex, Enchyträen und Garnelen. Lebendfutter muss vor der Verfütterung gesäubert werden. Viele Zoos betreiben eigene Artemia-Zuchtanlagen.

Frostfutter

Frostfutter bietet die Vorteile von Lebendfutter ohne das Risiko der Krankheitseinschleppung. Rote Mückenlarven, Artemia, Mysis, Krill, Muschelfleisch und Fischfilet sind gängige Sorten. Frostfutter wird vor der Fütterung aufgetaut und das Tauwasser abgegossen (Belastung der Wasserqualität).

Trockenfutter

Flocken, Granulat, Pellets, Tabletten und Sticks sind die gebräuchlichsten Trockenfutterformen. Hochwertiges Trockenfutter enthält Proteine (40-60% für Karnivore, 30-40% für Omnivore), Fette, Vitamine und Spurenelemente. Spirulina-Flocken sind für herbivore Fische geeignet. Bodentabletten für Welse sinken schnell ab.

Zuchtprogramme für bedrohte Fischarten

Fische sind die am stärksten bedrohte Wirbeltiergruppe in Süssgewässern. Über ein Drittel aller Süsswasserfischarten ist gefährdet. Die EAZA koordiniert EEP-Programme für zahlreiche Fischarten, darunter:

Quellen

Wissen testen: Fische