Ethologie (Verhaltenskunde)

Die Ethologie ist die wissenschaftliche Untersuchung des Tierverhaltens. Für Tierpfleger ist sie von zentraler Bedeutung: Die Kenntnis des arttypischen Verhaltens ermöglicht es, das Wohlbefinden der Tiere zu beurteilen, Haltungsbedingungen zu optimieren und Verhaltensstörungen frühzeitig zu erkennen. Begründet wurde die moderne Ethologie durch Konrad Lorenz, Nikolaas Tinbergen und Karl von Frisch, die 1973 gemeinsam den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin erhielten. Die Ethologie hat sich seither zu einer eigenständigen Disziplin mit grosser praktischer Relevanz für die Zootierhaltung entwickelt.

Angeborenes vs. erlerntes Verhalten

Angeborenes Verhalten und Instinkthandlungen

Angeborenes Verhalten ist genetisch festgelegt und wird ohne vorheriges Lernen ausgeführt. Es wird durch spezifische Schlüsselreize ausgelöst und läuft als Erbkoordination (fixe Aktionsmuster, englisch: Fixed Action Pattern, FAP) stereotyp ab. Nach dem klassischen Instinktmodell von Konrad Lorenz und Nikolaas Tinbergen wirkt ein Schlüsselreiz auf einen angeborenen Auslösemechanismus (AAM), der eine spezifische Instinkthandlung auslöst. Der AAM funktioniert wie ein Filter, der nur auf ganz bestimmte Reizmerkmale anspricht.

Beispiele für Schlüsselreize und Instinkthandlungen: Der rote Fleck am Schnabel der Silbermöwe löst bei Küken das Bettelpicken aus (Tinbergen-Experiment). Der Saugreflex bei Säugetier-Neugeborenen wird durch Berührung der Lippen ausgelöst. Der Beutefangreflex bei Fröschen (Zungenschnappen) wird durch kleine, sich bewegende Objekte ausgelöst, nicht aber durch grosse oder ruhende Objekte. Das Nestbauverhalten bei Webervögeln folgt einem angeborenen Bauplan, der auch ohne Vorerfahrung ausgeführt wird.

Übernormale Schlüsselreize (Supernormal Stimuli) können sogar stärkere Reaktionen auslösen als der natürliche Reiz: Ein übergrösser roter Punkt löst intensiveres Bettelpicken aus als der normale Schnabel. Dieses Prinzip ist für die Zoohaltung relevant, weil es erklärt, warum Tiere auf künstliche Reize reagieren und warum bestimmte Enrichment-Massnahmen besonders gut funktionieren.

Erlerntes Verhalten

Erlerntes Verhalten wird durch individuelle Erfahrung erworben und kann flexibel angepasst werden. Die Grenze zwischen angeborenem und erlerntem Verhalten ist oft fliessend. Viele Verhaltensweisen haben sowohl angeborene als auch erlernte Komponenten. Der Gesang vieler Singvögel beispielsweise basiert auf einer angeborenen Grundstruktur (arttypische Gesangsschablone), die durch Lernen vom Vater oder anderen Artgenossen während einer sensiblen Phase verfeinert wird. Werkzeuggebrauch bei Schimpansen hat sowohl genetische Grundlagen als auch kulturelle Komponenten, die durch soziales Lernen weitergegeben werden und zwischen Populationen variieren.

Die vier Fragen nach Tinbergen

Um ein Verhalten vollständig zu verstehen, stellte Nikolaas Tinbergen 1963 vier grundlegende Fragen, die noch heute das Fundament der Verhaltensforschung bilden: (1) Kausalität: Welche Ursache löst das Verhalten aus? Welche Sinnesorgane, Nervenbahnen und Hormone sind beteiligt? (2) Ontogenese: Wie entwickelt sich das Verhalten im Laufe des Lebens? Ist es angeboren, erlernt oder eine Kombination? (3) Funktion: Welchen Überlebensvorteil bietet das Verhalten? Wie erhöht es die Fitness? (4) Phylogenese: Wie hat sich das Verhalten in der Stammesgeschichte entwickelt? Diese vier Fragen bilden zusammen eine vollständige Analyse jedes Verhaltens.

Sozialverhalten im Detail

Hierarchien und Rangordnung

Viele Tierarten leben in Gruppen mit einer etablierten Rangordnung (Dominanzhierarchie). Die Rangordnung wird durch Auseinandersetzungen etabliert und danach meist durch ritualisierte Signale aufrechterhalten. Man unterscheidet lineare Rangordnungen (A dominiert B, B dominiert C), Dreiecksbeziehungen und Despotien. Die Rangordnung beeinflusst den Zugang zu Futter, Paarungspartnern und Ruheplätzen. In der Zoohaltung muss die Rangordnung berücksichtigt werden: Futterstellen müssen so angelegt sein, dass rangniedrige Tiere nicht ausgehungert werden. Bei der Zusammenführung neuer Gruppenmitglieder kann es zu schweren Rangkämpfen kommen. Beispiele: Wolfsrudel mit Familienstruktur, Schimpansen mit komplexen Koalitionen und Machtwechseln, Hühner mit ihrer sprichwörtlichen Hackordnung.

Revierverhalten (Territorialität)

Territorialität ist die aktive Verteidigung eines Gebiets gegen Artgenossen. Reviere werden durch Markierungen abgegrenzt: Urinmarkierung (Raubkatzen, Caniden), Kotmarkierung (Flusspferd schleudert Kot mit dem Schwanz), Duftdrüsenmarkierung (Erdmännchen), Gesang (Vögel), Kratzspuren (Bären, Katzen) und akustische Signale (Brüllaffen, Gibbons). In der Zoohaltung ist das Revierverhalten zu berücksichtigen: Territoriale Arten benötigen ausreichend Raum oder Sichtbarrieren, um Konflikte zu vermeiden. Bei der Neugestaltung von Gehegen sollten alle Strukturen gleichzeitig verändert werden, damit kein Tier einen Besitzanspruch auf bestimmte Bereiche hat.

Kooperatives Verhalten

Viele Tierarten zeigen kooperatives Verhalten: gemeinsame Jagd (Wölfe, Löwen, Orcas), gemeinschaftliche Jungtieraufzucht (Erdmännchen, bei denen Helfer die Jungtiere bewachen), Warnrufe (Erdmännchen warnen mit unterschiedlichen Rufen vor Luft- und Bodenfeinden) und gegenseitige Fellpflege (Grooming bei Primaten, das neben der Hygiene vor allem der sozialen Bindung dient). Altruistisches Verhalten wird durch die Verwandtenselektion (Kin Selection nach Hamilton) erklärt: Gene werden auch dann weitergegeben, wenn man verwandten Individuen hilft.

Fortpflanzungsverhalten

Fortpflanzungsverhalten umfasst Partnerfindung, Balz, Paarung und Brutpflege. Die Balz dient der artspezifischen Erkennung, der Partnerwahl und der Synchronisation der Fortpflanzungsbereitschaft.

Beispiele für Balzverhalten: Paradiesvögel führen spektakuläre Tänze auf. Laubenvögel bauen kunstvolle Lauben und schmücken sie mit farbigen Objekten. Buckelwale singen komplexe Gesänge, die über Hunderte Kilometer hörbar sind. Pfeilgiftfrösche zeigen Rufverhalten und transportieren Kaulquappen. Krokodile brüllen tieffrequent und erzeugen Infraschallwellen.

Paarungssysteme

SystemBeschreibungBeispieleRelevanz für die Zoohaltung
MonogamieDauerhafte Paarbindung, oft lebenslangGibbons, Wölfe, Albatros, Kraniche, viele PapageienPartnertrennung kann zu schwerer Depression führen
PolygynieEin Männchen, mehrere WeibchenGorilla (Harem), Hirsch, SeelöweÜberschüssige Männchen müssen separat gehalten werden
PolyandrieEin Weibchen, mehrere MännchenLaufhühnchen, JacanaSelten; oft übernehmen Männchen die Brutpflege
PromiskuitätKeine feste PaarbindungSchimpanse, Bonobos, viele NagetiereGruppenzusammensetzung flexibel
Lek-SystemMännchen versammeln sich an BalzplätzenKampfläufer, Birkhahn, ManakineBalzplätze im Gehege vorsehen

Verhaltenskategorien

Nahrungserwerbsverhalten

Nahrungserwerb erfordert Suchverhalten, Ortung, Fang und Verarbeitung der Nahrung. Strategien reichen von Lauerjagd (Krokodil) über Hetzjagd (Wolf) und Werkzeuggebrauch (Schimpanse angelt Termiten mit Stäbchen) bis hin zu Filtration (Flamingo, Bartenwal). In der Zoohaltung ist der Nahrungserwerb oft stark vereinfacht, was zu Langeweile und Verhaltensstörungen führen kann. Wildlebende Raubtiere verbringen bis zu 12 Stunden täglich mit Jagd und Nahrungssuche, in der Zoohaltung dauert die Futtervaufnahme oft nur wenige Minuten. Dieser Unterschied ist einer der Hauptgründe für Stereotypien und macht Futter-Enrichment so wichtig.

Komfortverhalten

Komfortverhalten dient der Körperpflege und dem Wohlbefinden: Putzen, Kratzen, Strecken, Gähnen, Sandbaden (Hühnervögel, Chinchillas), Schlammsuhlen (Schweine, Nashörner, Elefanten), Sonnenbaden (Reptilien, Vögel). Das Komfortverhalten ist ein wichtiger Indikator für das Wohlbefinden. Fehlendes Komfortverhalten deutet auf Stress, Krankheit oder unzureichende Haltungsbedingungen hin. Ein Tier, das normales Komfortverhalten zeigt (sich streckt, gähnt, entspannt putzt), fühlt sich in seiner Umgebung sicher.

Spielverhalten

Spielverhalten tritt vor allem bei Jungtieren auf, ist aber auch bei erwachsenen Tieren vieler Arten zu beobachten (besonders bei Primaten, Raubtieren, Krähenvögeln, Papageien, Delfinen). Man unterscheidet Lokomotionsspiel (Rennen, Springen, Purzeln), Objektspiel (Manipulation von Gegenständen) und Sozialspiel (Raufen, Jagen mit Artgenossen). Spielverhalten dient dem Erlernen motorischer Fähigkeiten, dem sozialen Lernen und der kognitiven Entwicklung. Es ist ein positiver Indikator für Wohlbefinden und sollte in der Zoohaltung aktiv gefördert werden durch Enrichment-Objekte, Spielkameraden und unstrukturierte Freizeit.

Ruheverhalten

Ruheverhalten umfasst Schlafen, Dösen und entspanntes Liegen. Die Schlafdauer variiert enorm: Giraffen schlafen nur ca. 30 Minuten pro Tag im Tiefschlaf, Faultiere bis zu 15 Stunden, Katzen bis zu 16 Stunden. Die Schlafposition (Seitenlage, Bauchlage, Rückenlage, zusammengerollt) und der Schlafplatz (exponiert, versteckt, erhöht) sind artspezifisch und müssen bei der Gehegegestaltung berücksichtigt werden. Tiere, die an unsicheren Orten oder in unnatürlichen Positionen schlafen, können ein Zeichen für Stress oder fehlende geeignete Ruheplätze sein.

Kommunikation

Tiere kommunizieren über verschiedene Kanäle, um Informationen über Identität, Status, Absichten und emotionalen Zustand zu übermitteln. Der Tierpfleger muss die wichtigsten Kommunikationssignale der betreuten Arten kennen.

KommunikationsformBeschreibungBeispiele
Visuelle KommunikationKörperhaltung, Mimik, Gestik, Färbung, DisplaysDrohgebärden beim Wolf (Zähnefletschen, aufgestellte Haare), Imponiergehabe beim Gorilla (Brusttrommeln), Radschlagen beim Pfau, Farbwechsel beim Chamäleon, Demutsgebärden (eingezogener Schwanz, geduckte Haltung)
Akustische KommunikationLaute, Rufe, Gesang, Ultra-/InfraschallVogelgesang (Reviermarkierung), Wolfsgeheul (Rudel-Zusammenhalt), Infraschall bei Elefanten (über 10 km hörbar), differenzierte Warnrufe bei Erdmännchen (verschiedene Rufe für Luft- und Bodenfeinde)
Chemische KommunikationPheromone, Duftmarkierungen, UrinReviermarkierung bei Raubkatzen, Sexualpheromone bei Schmetterlingen (über Kilometer wirksam), Flehmen bei Katzen und Huftieren (Aufnahme von Pheromonen über Jacobsonsches Organ)
Taktile KommunikationKörperkontakt, BerührungGrooming bei Primaten (stärkt soziale Bindungen), Rüsselkontakt bei Elefanten (Begrüssung, Trost), Aneinanderreiben bei Katzen
Elektrische KommunikationElektrische SignaleNilhechte (Mormyriden) kommunizieren über artspezifische elektrische Entladungsmuster mit Informationen über Art, Geschlecht und Dominanzstatus

Kommunikationssignale als Tierpfleger verstehen

Der Tierpfleger muss besonders Droh- und Warnsignale automatisch erkennen: Ein Schimpanse mit aufgestellten Haaren und zurückgezogenen Lippen ist hochaggressiv. Ein Elefant mit abgespreizten Ohren und gesenktem Kopf droht. Eine Kobra, die sich aufrichtet und abflacht, warnt vor einem Verteidigungsbiss. Ein Vogel, der die Federn anlegt und unruhig auf der Stange rutscht, ist gestresst. Diese Signale müssen automatisch erkannt werden, um Verletzungen zu vermeiden.

Stereotypien und Verhaltensstörungen

Stereotypien sind sich wiederholende, gleichförmige Verhaltensmuster ohne erkennbare Funktion. Sie gelten als Indikator für beeinträchtigtes Wohlbefinden. Studien zeigen, dass je nach Art und Haltungsbedingungen zwischen 5 und 85 Prozent der Zootiere Stereotypien zeigen können.

Häufige Formen

StereotypieBeschreibungBesonders betroffene ArtenMögliche Ursachen
Weben (Weaving)Rhythmisches Hin-und-her-Schwanken von Kopf oder KörperElefanten, Bären, PferdeBewegungsmangel, zu kleines Gehege, soziale Isolation
PacingStereotypes Auf-und-ab-Laufen entlang einer festen RouteGrosskatzen, Wölfe, EisbärenZu kleines Gehege, fehlende Strukturierung
KopfkreisenRepetitives, rhythmisches Bewegen des KopfesBären (besonders Malaienbären), PapageienReizarme Umgebung
FederzupfenRupfen eigener oder fremder FedernGraupapageien, KakadusSoziale Isolation, Langeweile, Fehlprägung
AutomutilationSelbstverletzung durch Beissen, KratzenEinzeln gehaltene PrimatenSchwere Deprivation, frühkindliche Trennung
Übermässige FellpflegeKahle Stellen durch exzessives LeckenPrimaten, BärenStress, Langeweile (Parasiten differentialdiagnostisch abklären)
Regurgitation/ReingestionWiederholtes Hochwürgen und WiederverschluckenGorillas, einige BärenartenLangeweile, zu kurze Fresszeiten, zu wenig Rohfaser
KoprophagieKotfressen (bei Kaninchen/Gorillas teilweise normal)Primaten, ElefantenNährstoffmangel, Langeweile

Ursachen und Theorie

Stereotypien entstehen durch chronischen Stress aus verschiedenen Faktoren: zu kleines oder unstrukturiertes Gehege, soziale Isolation oder unpassende Gruppenstruktur, mangelnde Beschäftigung und Enrichment, ungeeignete Fütterungsmethode, Lärm und häufige Störungen, frühe Trennung von der Mutter und fehlende Kontrolle über die eigene Umgebung. Die Coping-Hypothese geht davon aus, dass die Ausführung der Stereotypie selbst eine stressreduzierende Wirkung hat (Endorphinausschüttung), was ihre Selbstverstärkung und Chronifizierung erklärt.

Stereotypien sind ernst zu nehmen

Stereotypien sind immer ein Hinweis auf eine suboptimale Haltungssituation oder vergangene Belastungen. Sie können sich auch nach Verbesserung der Haltungsbedingungen verfestigen und chronisch werden. Besonders problematisch sind Stereotypien, die zu Selbstverletzung führen. Je früher Stereotypien erkannt und die Ursachen beseitigt werden, desto besser sind die Chancen auf eine Besserung. Jede beobachtete Stereotypie muss dokumentiert (Art, Dauer, Häufigkeit, Kontext) und dem Vorgesetzten gemeldet werden.

Prävention und Therapie

Die beste Strategie gegen Stereotypien ist die Prävention: ausreichend grosse und komplex strukturierte Gehege, angemessene Sozialstruktur, regelmässiges und abwechslungsreiches Enrichment (siehe Enrichment-Seite), abwechslungsreiche Fütterung mit Beschäftigungseffekt, Training als positive Interaktion, Rückzugsmöglichkeiten vor Besucherstress und die Möglichkeit für das Tier, Kontrolle über seine Umgebung auszuüben (Wahl zwischen Innen und Aussen, warm und kühl, Gesellschaft und Rückzug).

Ethogramme erstellen und auswerten

Ein Ethogramm ist ein systematischer Verhaltenskatalog einer Tierart. Es listet und definiert alle beobachtbaren Verhaltensweisen und bildet die Grundlage jeder systematischen Verhaltensbeobachtung.

Aufbau eines Ethogramms

Jede Verhaltensweise wird beschrieben mit: eindeutiger Name (z.B. "Grooming"), präzise objektive Definition (beschreibend, nicht interpretierend), Zuordnung zu einer Verhaltenskategorie (Sozial-, Komfort-, Fortpflanzungsverhalten), ein Kürzel für die Protokollierung (z.B. "GR") und Angabe zur Erfassungsart (State: Zustand mit Dauer, oder Event: Einzelereignis mit Häufigkeit).

Beobachtungsmethoden

MethodeBeschreibungEinsatzVor-/Nachteile
Ad-libitum-BeobachtungAlles Auffällige wird notiert, ohne systematisches ProtokollErste Orientierung, Ethogramm-ErstellungEinfach, aber subjektiv
Focal Animal SamplingEin Tier wird über definierten Zeitraum (z.B. 10 min) kontinuierlich beobachtetDetaillierte IndividualanalyseSehr genau, zeitaufwändig
Scan SamplingIn Intervallen (z.B. alle 5 min) wird das Verhalten aller Gruppenmitglieder erfasstGruppenüberblick, ZeitbudgetsEffizient; kurzfristige Verhaltensweisen werden verpasst
Behaviour SamplingNur eine bestimmte Verhaltensweise wird erfasst, sobald sie bei einem beliebigen Tier auftrittSeltene Ereignisse (Aggression, Paarung)Gut für seltene Events
Continuous RecordingAlle Verhaltensweisen eines Tieres lückenlos aufgezeichnetDetaillierteste Methode, oft mit VideoExtrem genau, aufwändig in der Auswertung

Praxistipp für den Zoo-Alltag

Für die tägliche Arbeit genügt oft ein vereinfachtes Protokoll mit den wichtigsten Verhaltensweisen (Fressen, Ruhen, Bewegung, Sozialverhalten, Auffälligkeiten) und deren Häufigkeit oder Dauer. Beobachtungen müssen objektiv festgehalten werden: Statt "Tier ist aggressiv" besser "Tier zeigt Zähnefletschen und Scheinangriff gegenüber Tier B um 10:15 Uhr an der Futterstelle." Zeitpunkt, Kontext und beteiligte Individuen immer vermerken. Moderne Zoos nutzen zunehmend Tablet-basierte Erfassungssysteme.

Lernformen

Lernen ist die dauerhafte Verhaltensänderung aufgrund von Erfahrung. Die verschiedenen Lernformen bilden die Grundlage für Training, Management und Enrichment in der Zootierhaltung.

Prägung (Imprinting)

Prägung ist eine besonders schnelle und nahezu irreversible Form des Lernens während einer sensiblen Phase. Konrad Lorenz beschrieb die Nachfolgeprägung bei Graugänsen: Die Küken folgen dem ersten sich bewegenden Objekt nach dem Schlupf. Neben der Nachfolgeprägung gibt es die sexuelle Prägung (welche Merkmale hat ein geeigneter Partner), die Futterprägung und die Ortsgebundenheit (Lachse prägen sich den Geruch ihres Geburtsgewässers ein). Eine Fehlprägung auf den Menschen bei Handaufzucht kann zu schwerwiegenden Problemen führen: keine Angst vor Menschen, Aggression gegenüber Pflegern und Unfähigkeit, sich mit Artgenossen zu verpaaren. In der Zoohaltung wird daher bei Handaufzuchten versucht, den Menschenkontakt zu minimieren (Puppenkostüm bei Kranichen, Futterhandschuh bei Geiern).

Habituation und Sensibilisierung

Habituation ist das Nachlassen einer Reaktion auf einen wiederholt dargebotenen, bedeutungslosen Reiz. Zootiere gewöhnen sich an Besucherlärm und Routinearbeiten. Habituation ist keine Erschöpfung, sondern aktives Lernen. Das Gegenteil ist Sensibilisierung: Ein Reiz, der wiederholt negativ erlebt wird, führt zu einer verstärkten Reaktion. Beispiel: Ein Tier, das wiederholt zwangsfixiert wurde, reagiert zunehmend panisch auf den Tierarzt. Sensibilisierung ist ein wichtiger Grund, warum Medical Training dem Zwangshandling vorzuziehen ist.

Klassische Konditionierung (Pawlow)

Bei der klassischen Konditionierung wird ein neutraler Reiz (z.B. Pfiff, Glocke) wiederholt mit einem unkonditionierten Reiz (z.B. Futter) gepaart, bis der neutrale Reiz allein die Reaktion auslöst. In der Zoohaltung: Ein Pfiff signalisiert die Fütterungszeit. Ein Klicker-Geräusch wird als Brückensignal eingesetzt ("Richtig, Belohnung kommt gleich"). Klassische Konditionierung funktioniert am besten, wenn der neutrale Reiz kurz vor dem unkonditionierten Reiz kommt.

Operante Konditionierung (Skinner)

Bei der operanten Konditionierung lernt ein Tier, dass sein eigenes Verhalten bestimmte Konsequenzen hat. Die vier Quadranten:

QuadrantBeschreibungBeispielEffekt
Positive Verstärkung (R+)Etwas Angenehmes wird hinzugefügtFutter nach korrektem VerhaltenVerhalten wird häufiger
Negative Verstärkung (R-)Etwas Unangenehmes wird entferntDruck wird weggenommen bei gewünschter PositionVerhalten wird häufiger
Positive Bestrafung (P+)Etwas Unangenehmes wird hinzugefügtWasserspritzer bei unerwünschtem VerhaltenVerhalten wird seltener
Negative Bestrafung (P-)Etwas Angenehmes wird entferntTraining wird abgebrochenVerhalten wird seltener

Positive Verstärkung als Standard

In der modernen Zootierhaltung ist positive Verstärkung (R+) die Methode der Wahl. Sie ist die effektivste und tierschutzgerechteste Trainingsmethode. Positive Bestrafung (P+) und negative Verstärkung (R-) sind ethisch nicht vertretbar und kontraproduktiv, da sie Angst und Misstrauen fördern. Protected Contact (Arbeiten hinter einer Schutzbarriere mit positiver Verstärkung) hat in der Elefantenhaltung den direkten Kontakt mit dominanzbasiertem Training weitgehend abgelöst.

Weitere Lernformen

Soziales Lernen: Lernen durch Beobachtung und Nachahmung. Schimpansen lernen Werkzeuggebrauch von der Mutter. Junge Orcas lernen Jagdtechniken durch Beobachtung. Einsichtiges Lernen: Problemlösung ohne vorheriges Ausprobieren. Wolfgang Köhler zeigte, dass Schimpansen Kisten stapeln, um an hochgehängte Bananen zu gelangen. Latentes Lernen: Lernen ohne unmittelbare Verstärkung; das Gelernte wird erst bei Bedarf abgerufen.

Tierwohl und dessen Beurteilung

Das Tierwohl (Animal Welfare) umfasst den physischen und psychischen Zustand eines Tieres. Modernes Tierwohl-Management definiert Wohlbefinden nicht nur als Abwesenheit von Leiden, sondern als Vorhandensein positiver Erlebnisse.

Die fünf Freiheiten (Five Freedoms)

Die Five Freedoms wurden 1965 vom Brambell-Komitee entwickelt und 1979 vom Farm Animal Welfare Council formalisiert:

  1. Freiheit von Hunger und Durst: Zugang zu frischem Wasser und artgerechter Ernährung
  2. Freiheit von Unbehagen: Angemessene Unterbringung mit Schutz und Ruhezonen
  3. Freiheit von Schmerz, Verletzung und Krankheit: Präventive Vorsorge und schnelle Behandlung
  4. Freiheit zum Ausleben normalen Verhaltens: Ausreichend Platz, Strukturierung und Sozialpartner
  5. Freiheit von Angst und Leiden: Vermeidung von Bedingungen, die zu psychischem Leiden führen

Positive Tierwohl-Indikatoren

Modernes Tierwohl-Management achtet auf positive Anzeichen: Spielverhalten, Explorationsverhalten, entspanntes Ruhen in offenen Bereichen, normales Sozialverhalten und Grooming, guter Appetit, Komfortverhalten (Strecken, Gähnen, Sonnenbaden), erfolgreiche Fortpflanzung und neugieriges Verhalten gegenüber Enrichment-Objekten.

Das Fünf-Domänen-Modell (Mellor)

David Mellor entwickelte 2017 das Fünf-Domänen-Modell als Weiterentwicklung der Five Freedoms. Es berücksichtigt neben den physischen Domänen (Ernährung, Umwelt, Gesundheit, Verhaltensinteraktionen) explizit den mentalen Zustand als fünfte Domäne. Ziel ist die aktive Förderung positiver mentaler Zustände: Freude, Komfort, Sicherheit, Neugier und Spieltrieb. Dieses Modell wird zunehmend von progressiven Zoos als Beurteilungsrahmen eingesetzt.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Tinbergen, N. (1963): On aims and methods of Ethology. Zeitschrift für Tierpsychologie, 20: 410-433.
  • Lorenz, K. (1973): Die Rückseite des Spiegels. Piper Verlag.
  • Kappeler, P.M. (2020): Verhaltensbiologie. 5. Auflage, Springer Spektrum.
  • Hosey, G., Melfi, V. & Pankhurst, S. (2013): Zoo Animals: Behaviour, Management, and Welfare. 2. Auflage, Oxford University Press.
  • Mason, G.J. & Rushen, J. (2006): Stereotypic Animal Behaviour: Fundamentals and Applications to Welfare. CABI.
  • Maple, T.L. & Perdue, B.M. (2013): Zoo Animal Welfare. Springer.
  • Mellor, D.J. (2017): Operational details of the five domains model. Animals, 7(8): 60.
  • Ramirez, K. (1999): Animal Training: Successful Animal Management Through Positive Reinforcement. Shedd Aquarium.
  • Pryor, K. (1999): Don't Shoot the Dog! The New Art of Teaching and Training. Bantam Books.