Futtertierzucht

Die Zucht von Futtertieren ist in vielen Zoos ein fester Bestandteil des Betriebsablaufs. Insektenfresser (Reptilien, Amphibien, Vögel, kleine Säugetiere) und Raubtiere benötigen tierisches Futter in ausreichender Menge und Qualität. Die Eigenzucht von Futterinsekten und Futternagern hat mehrere Vorteile: Der Zoo ist unabhängig von externen Lieferanten, die Qualität der Futtertiere kann kontrolliert werden (insbesondere durch Gut-Loading), die Futtertiere sind frisch und vital, und die Kosten können langfristig gesenkt werden. Tierpfleger müssen die Zuchtverfahren kennen, die Hygienestandards einhalten und die Nährwerte der Futtertiere berücksichtigen.

Heimchen (Acheta domesticus)

Das Heimchen ist eines der am häufigsten verwendeten Futterinsekten. Es ist nahrhaft, leicht zu züchten und wird von den meisten insektenfressenden Tieren gerne angenommen.

Zuchtansatz

Als Zuchtbehälter eignen sich grosse Kunststoffboxen (60 bis 80 Liter) oder Glasaquarien mit feinmaschigem Gazedeckel. Der Deckel muss absolut dicht sein, da Heimchen ausgezeichnete Kletterer sind. Im Inneren werden Eierkartons oder Papprollen als Versteckmöglichkeiten gestapelt, die den Heimchen die natürliche Vorliebe für enge Spalten ermöglichen und die nutzbare Fläche vervielfachen.

Temperatur und Luftfeuchtigkeit

Optimale Zuchttemperatur: 28 bis 32 Grad Celsius. Bei dieser Temperatur beträgt der Lebenszyklus (Ei bis adultes Tier) etwa 6 bis 8 Wochen. Niedrigere Temperaturen verlangsamen die Entwicklung erheblich. Die Luftfeuchtigkeit sollte bei 40 bis 60 Prozent liegen. Zu hohe Feuchtigkeit fördert Schimmel und Milbenbefall, zu niedrige führt zu erhöhter Mortalität.

Fütterung der Heimchen

Heimchen sind Allesfresser. Trockenfutter: Haferflocken, Weizenkleie, Fischfutter, Katzentrockenfutter (gemahlen). Frischfutter: Karotten, Äpfel, Salat, Kürbis (als Wasserquelle). Kein offenes Wasser anbieten, da Heimchen darin ertrinken. Stattdessen feuchte Schwämme oder Wassergelkristalle verwenden. Heimchen sind kannibalistisch veranlagt, daher muss immer ausreichend Futter und Platz vorhanden sein.

Eiablage und Ernte

Weibchen legen ihre Eier in feuchtes Substrat (Kokoshumus, feuchte Erde). Eine flache Schale mit feuchtem Substrat (2 bis 3 cm tief) wird als Eiablagebox in den Zuchtbehälter gestellt. Nach 3 bis 5 Tagen wird die Schale entnommen und in einen separaten Schlupfbehälter bei 28 bis 30 Grad inkubiert. Die Eier schlüpfen nach 10 bis 14 Tagen. Die Ernte der adulten Heimchen erfolgt durch Absammeln oder durch Ausleerung der Eierkartons in einen Sammelbehälter.

Mehlwürmer (Tenebrio molitor)

Mehlwürmer sind die Larven des Mehlkäfers. Sie sind anspruchslos in der Zucht, proteinreich und werden von einer Vielzahl von Zootieren als Futter akzeptiert.

Zuchtboxen

Flache Kunststoffboxen (Faunaboxen oder Stapelboxen) mit glattem Rand (Mehlwürmer können nicht an glatten Flächen klettern). Mehrere Boxen im Stapelsystem ermöglichen die Trennung verschiedener Entwicklungsstadien: Käfer (Zuchtbox), Eier und junge Larven (Schlupfbox), heranwachsende Larven (Aufzuchtbox) und Puppen (Puppenbox).

Substrat

Als Substrat dienen Weizenkleie, Haferflocken oder eine Mischung aus beiden. Schichthöhe: 3 bis 5 cm. Das Substrat dient gleichzeitig als Futter. Auf die Oberfläche werden Kartoffel- oder Karottenstücke als Feuchtigkeitsquelle gelegt. Diese müssen regelmässig ausgetauscht werden, um Schimmelbildung zu verhindern.

Lebenszyklus

Der Mehlkäfer durchläuft eine vollständige Metamorphose: Ei (10 bis 14 Tage), Larve (8 bis 16 Wochen, je nach Temperatur), Puppe (1 bis 2 Wochen), Käfer (lebt 2 bis 3 Monate, legt in dieser Zeit etwa 500 Eier). Optimale Zuchttemperatur: 25 bis 28 Grad Celsius. Bei Raumtemperatur (20 Grad) dauert die Entwicklung deutlich länger. Die Puppen sollten von den Larven getrennt werden, da Larven Puppen fressen können.

Schaben

Argentinische Waldschabe (Blaptica dubia)

Die Blaptica dubia ist eine der beliebtesten Futterschaben. Sie ist tropisch, kann nicht an glatten Flächen klettern, produziert keine Gerüche und erzeugt keine Geräusche. Zuchttemperatur: 25 bis 30 Grad Celsius. Zuchtbehälter: Kunststoffboxen mit Eierkartons als Versteck. Fütterung: Obst, Gemüse, Trockenfutter (Haferflocken, Hundefutter). Die Weibchen sind lebendgebärend (ovovivipar) und bringen nach einer Tragzeit von etwa 4 Wochen 20 bis 40 Jungtiere zur Welt. Geschlechtsreife nach 3 bis 5 Monaten.

Turkmenische Schabe (Shelfordella lateralis)

Die Shelfordella lateralis (auch Rote Schabe oder Russenratte genannt) ist kleiner als die Blaptica dubia und eignet sich daher als Futter für kleinere Reptilien und Amphibien. Zuchttemperatur: 25 bis 32 Grad Celsius. Die Weibchen bilden Ootheken (Eipakete) mit 15 bis 20 Eiern. Die Ootheken werden in feuchtes Substrat abgelegt und schlüpfen nach 4 bis 6 Wochen. Die Art vermehrt sich bei optimalen Bedingungen sehr schnell. Im Gegensatz zur Blaptica dubia können Shelfordella lateralis an glatten Flächen klettern, daher muss der Behälterrand mit Vaseline oder einem Fluchtbarriereband behandelt werden.

Mäuse und Ratten

Futternager (Mäuse und Ratten) werden in Zoos vor allem für die Fütterung von Schlangen, Greifvögeln, Eulen und kleinen Raubtieren gezüchtet.

Zucht

Zuchtmäuse werden in Gruppen gehalten: Ein Bock mit 2 bis 4 Weibchen in einer Zuchtbox (Makrolon-Käfig Typ III oder IV). Einstreu: staubfreie Hobelspäne, Nistmaterial (Heu, Papierstreifen). Trächtigkeitsdauer Maus: 19 bis 21 Tage, Wurfgrösse: 6 bis 12 Jungtiere. Trächtigkeitsdauer Ratte: 21 bis 23 Tage, Wurfgrösse: 8 bis 14 Jungtiere. Absetzen der Jungtiere: Maus nach 21 Tagen, Ratte nach 28 Tagen. Geschlechtstrennung bei Absetzen, um unkontrollierte Vermehrung zu vermeiden.

Tötungsmethoden (Paragraf 4 TSchG)

Die Tötung von Futtertieren unterliegt dem Tierschutzgesetz. Nach Paragraf 4 TSchG darf ein Wirbeltier nur unter wirksamer Schmerzausschaltung (Betäubung) getötet werden. Für Futternager sind folgende Methoden zulässig:

Sachkunde und Dokumentation

Die Tötung von Wirbeltieren darf nur durch Personen mit Sachkundenachweis durchgeführt werden. Jede Tötung muss dokumentiert werden (Datum, Anzahl, Methode, durchführende Person). Die tierschutzgerechte Tötung muss regelmässig geschult und überprüft werden. Auszubildende dürfen die Tötung nur unter Anleitung durchführen und müssen die Sachkunde im Rahmen der Ausbildung erwerben.

Drosophila (Fruchtfliegen)

Drosophila-Kulturen werden für die Fütterung kleinster Insektenfresser benötigt: Pfeilgiftfrösche, Zwergchamäleons, Mantiden-Jungtiere, Jungfische und kleine Spinnen.

Kulturansatz

Als Zuchtgefässe dienen Glasflaschen, Kunststoffdosen oder spezielle Drosophila-Röhrchen mit Schaumstoff- oder Watteverschluss. Das Nährmedium besteht aus: Instant-Drosophila-Medium (kommerziell erhältlich) oder einer selbst hergestellten Mischung aus Haferflocken, Banane, Essig und Hefe. Auf die Oberfläche wird eine Prise Trockenhefe gestreut, die als Nahrung und zur Anregung der Eiablage dient. Kulturtemperatur: 22 bis 25 Grad Celsius. Bei dieser Temperatur dauert der Generationszyklus etwa 10 bis 14 Tage.

Für die Zootierfütterung werden bevorzugt flugunfähige Mutanten (vestigial oder apterous) verwendet, da diese nicht wegfliegen und von den Futtertieren leichter gefangen werden können. Neue Kulturen werden alle 2 bis 3 Wochen angesetzt, um eine kontinuierliche Versorgung sicherzustellen.

Futterinsekten Nährwerttabelle

Die Nährwerte beziehen sich auf die Trockenmasse und können je nach Fütterung der Futtertiere (Gut-Loading) variieren.

Futtertier Protein (%) Fett (%) Ca:P-Verhältnis Wassergehalt (%)
Heimchen (adult)65201:5 bis 1:969
Mehlwürmer (Larve)53331:7 bis 1:1462
Blaptica dubia (adult)54281:3 bis 1:465
Shelfordella lateralis58251:4 bis 1:666
Zophobas morio (Larve)47381:10 bis 1:1858
Drosophila70131:4 bis 1:870
Wachsmotte (Larve)42461:7 bis 1:958
Maus (adult, ganz)55231,1:1 bis 2:165
Ratte (adult, ganz)56211,2:1 bis 1,5:166

Kalzium-Phosphor-Verhältnis beachten

Das Ca:P-Verhältnis der meisten Futterinsekten ist invertiert (mehr Phosphor als Kalzium). Für insektenfressende Reptilien und Amphibien ist ein Ca:P-Verhältnis von mindestens 1,5:1 bis 2:1 erforderlich. Ohne Supplementierung führt die ausschliessliche Fütterung mit Insekten zu metabolischer Knochenerkrankung (MBD). Ganze Futternager haben dagegen ein günstiges Ca:P-Verhältnis, da sie Knochen enthalten.

Gut-Loading und Dust-Coating

Gut-Loading

Gut-Loading bezeichnet das gezielte Hochfüttern von Futterinsekten mit nährstoffreichen Futtermitteln in den 24 bis 48 Stunden vor der Verfütterung. Der Darminhalt der Futterinsekten wird dadurch mit Nährstoffen angereichert, die das Futtertier an das Zootier weitergibt. Effektive Gut-Loading-Futtermittel: Löwenzahn, Kresse, Endivien, Kürbis, Süsskartoffel, Paprika und kommerzielle Gut-Loading-Produkte mit hohem Kalzium- und Vitamingehalt. Durch Gut-Loading kann das Ca:P-Verhältnis der Futterinsekten deutlich verbessert werden.

Dust-Coating (Bestäuben)

Unmittelbar vor der Verfütterung werden die Insekten mit einem Vitamin- und Mineralpulver bestäubt. Die Insekten werden in einen Beutel oder eine Dose mit dem Pulver gegeben und vorsichtig geschüttelt, bis sie gleichmässig bedeckt sind. Wichtige Supplementierungen:

Überdosierung vermeiden

Fettlösliche Vitamine (A, D, E, K) können bei Überdosierung toxisch wirken. Besonders Vitamin A und D3 dürfen nicht überdosiert werden. Die Herstellerangaben des Supplementierungsprodukts sind genau zu beachten. Im Zweifelsfall den Zootierarzt oder einen Ernährungsexperten konsultieren. Die Dokumentation der Supplementierung (Produkt, Häufigkeit, Menge) ist Teil der Fütterungsdokumentation.

Quellen und weiterführende Literatur

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