Schimpanse in der Zoohaltung
Der Gemeine Schimpanse (Pan troglodytes) ist neben dem Bonobo der nächste lebende Verwandte des Menschen. Mit einer genetischen Übereinstimmung von rund 98,7 Prozent teilen Schimpansen und Menschen einen Grossteil ihres Erbguts. Schimpansen gehören zu den intelligentesten Tieren überhaupt: Sie nutzen Werkzeuge, zeigen kulturelle Traditionen und verfügen über ein komplexes Sozialleben mit der einzigartigen Fission-Fusion-Organisation. In europäischen Zoos werden Schimpansen im Rahmen des EAZA Ex-situ Programms (EEP) koordiniert gezüchtet und gehalten. Die IUCN stuft die Art als stark gefährdet (Endangered, EN) ein.
Systematik und Unterarten
Der Gemeine Schimpanse (Pan troglodytes) gehört zusammen mit dem Bonobo (Pan paniscus) zur Gattung Pan in der Familie der Menschenaffen (Hominidae). Es werden vier Unterarten anerkannt, die sich in Verbreitung, Körperbau und Verhalten unterscheiden:
Unterarten des Gemeinen Schimpansen
| Unterart | Wissenschaftlicher Name | Verbreitung | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| Westafrikanischer Schimpanse | P. t. verus | Senegal bis Ghana | Vom Aussterben bedroht (CR), Steinwerkzeuge |
| Nigeria-Kamerun-Schimpanse | P. t. ellioti | Nigeria, Kamerun | Kleinste Population, stark bedroht |
| Zentralafrikanischer Schimpanse | P. t. troglodytes | Kamerun bis Kongo | Grösste Population, häufigste Unterart in Zoos |
| Ostafrikanischer Schimpanse | P. t. schweinfurthii | DR Kongo bis Tansania | Forschung Gombe und Mahale |
Der Wildbestand aller Schimpansen-Unterarten wird auf 170.000 bis 300.000 Individuen geschätzt, mit stark rückläufiger Tendenz. Die Hauptbedrohungen sind Habitatverlust durch Abholzung und landwirtschaftliche Expansion, Wilderei für den Bushmeat-Handel und Krankheiten (Ebola, respiratorische Infektionen). In europäischen Zoos leben rund 700 Schimpansen.
Haltung und Gehegegestaltung
Schimpansen sind sowohl am Boden als auch in den Bäumen aktiv und benötigen grosse, dreidimensional strukturierte Anlagen. Sie sind ausgezeichnete Kletterer und verbringen einen erheblichen Teil ihrer aktiven Zeit in erhöhten Positionen. Nachts bauen sie Schlafnester in den Bäumen.
Gehegemindestmasse (Säugetiergutachten 2014)
- Innengehege: mindestens 200 m² für eine Gruppe von bis zu 5 Tieren
- Aussengehege: mindestens 500 m²
- Raumhöhe: mindestens 4 m, empfohlen 6 m und mehr
- Kletterstrukturen: massive Baumstämme, Seile, Netze, Plattformen
- Separationsmöglichkeiten: mindestens 3 abtrennbare Bereiche (wichtig wegen Fission-Fusion)
- Nistmaterial: Stroh, Holzwolle, Jute, Decken (tägliche Erneuerung)
- Temperatur Innenbereich: 18 bis 24 Grad Celsius
- Sichtbarrieren und Rückzugsmöglichkeiten
Die Gehegeausstattung muss robust sein, da Schimpansen sehr kräftig sind (fünf- bis zehnmal stärker als ein Mensch gleichen Gewichts) und Materialien systematisch auf Schwachstellen testen. Glas muss aus Verbundsicherheitsglas bestehen (mindestens 40 mm), Gitter aus gehärtetem Stahl. Wassergraeben funktionieren als Barriere, da Schimpansen nicht schwimmen können. Elektrische Drähte an Gehegegrenzen dienen als zusätzliche Absicherung.
Moderne Anlagen wie das Menschenaffenhaus der Wilhelma Stuttgart bieten naturnahe Innenlandschaften mit künstlichen Bäumen, Wasserläufen und Tageslichtlampen. Die Verbindung von Innen- und Aussengehege über Tunnel oder Brücken gibt den Tieren maximale Wahlfreiheit.
Sozialstruktur: Fission-Fusion
Die Sozialstruktur der Schimpansen wird als Fission-Fusion-System bezeichnet. Die Schimpansen leben in Grossgruppen (Communities) von 20 bis 80 Individuen, die sich ständig in kleinere Untergruppen (Parties) aufspalten und wieder zusammenfinden. Die Zusammensetzung dieser Untergruppen wechselt mehrmals täglich und hängt von Faktoren wie Nahrungsangebot, sozialen Beziehungen und der Anwesenheit östrischer Weibchen ab.
An der Spitze der Community steht ein Alpha-Männchen, das seine Position durch Koalitionsbildung, Imponierverhalten und manchmal physische Aggression behauptet. Die Hierarchie unter den Männchen ist streng und wird durch ein komplexes System von Allianzen aufrechterhalten. Weibchen haben eine eigene, weniger ausgeprägte Hierarchie und wechseln oft zwischen Communities (female transfer), während Männchen in ihrer Geburtsgruppe bleiben.
In der Zoohaltung muss das Fission-Fusion-System durch mehrere abtrennbare Gehege ermöglicht werden. Die Tiere brauchen die Möglichkeit, sich zeitweise von der Gruppe zu trennen und sich in Untergruppen aufzuhalten. Zoos wie der Edinburgh Zoo haben einen gezielten Fission-Fusion-Management-Prozess implementiert, bei dem Pfleger die Gruppendynamik aktiv steuern, indem sie verschiedene Gehegebereiche für unterschiedliche Untergruppen öffnen. Dies hat die soziale Harmonie und das Wohlbefinden der Schimpansen nachweislich verbessert.
Werkzeuggebrauch und Kognition
Schimpansen sind neben dem Menschen die vielseitigsten Werkzeugnutzer im Tierreich. In freier Wildbahn wurden über 40 verschiedene Werkzeugtypen dokumentiert, deren Verwendung regional variiert und kulturell weitergegeben wird. Jungtiere beobachten ihre Mütter über Jahre hinweg, bevor sie die Techniken selbst beherrschen.
Werkzeuggebrauch bei Schimpansen
- Termitenangeln: Dünne Stöcke oder Grashalme werden in Termitenbauten eingeführt, um Termiten herauszuziehen
- Nüsse knacken: Steine oder Holzstücke als Hammer und Amboss (nur bei Westafrikanischen Schimpansen)
- Honig-Extraktion: Stöcke zum Herausfischen von Honig aus Bienenstöcken
- Blätter-Schwamm: Zusammengekaute Blätter als Schwamm zum Wasseraufnehmen
- Speere: Angespitzte Stöcke zum Aufspüren von Galagos in Baumhöhlen (Fongoli, Senegal)
- Steinwurf: Steine als Wurfgeschosse bei Imponierverhalten
In der Zoohaltung wird der Werkzeuggebrauch gezielt gefördert, da er ein wichtiges kognitives Enrichment darstellt. Typische Beispiele sind Röhren mit Honig oder Joghurt, die nur mit Stöcken erreichbar sind, Puzzle-Boxen mit verschieden grossen Öffnungen und verstecktem Futter sowie Nüsse, die mit Steinen geknackt werden müssen. Schimpansen können auch den Gebrauch neuer Werkzeuge erlernen, was ihre kognitive Flexibilität unter Beweis stellt.
Darüber hinaus zeigen Schimpansen Fähigkeiten wie Selbsterkennung im Spiegel, vorausschauendes Planen (Sammeln von Steinen für spätere Nutzung), empathisches Verhalten (Trösten, Teilen) und das Erlernen von Symbolsystemen. Diese kognitiven Fähigkeiten stellen besondere ethische Anforderungen an die Haltung und unterstreichen die Notwendigkeit anspruchsvoller Enrichment-Programme.
Ernährung und Enrichment
Schimpansen sind Omnivoren mit einem Schwerpunkt auf pflanzlicher Kost. In freier Wildbahn besteht die Nahrung zu etwa 60 Prozent aus Früchten, ergänzt durch Blätter, Samen, Rinde, Blüten, Insekten und gelegentlich Fleisch (Jagd auf Colobusaffen und andere kleine Säugetiere). In der Zoohaltung wird eine abwechslungsreiche, vorwiegend gemüsebetonte Kost angeboten.
Täglicher Futterplan (Beispiel für einen adulten Schimpansen)
| Futterart | Menge (ca.) |
|---|---|
| Gemüse (Salat, Gurke, Paprika, Tomaten, Sellerie) | 2 bis 3 kg |
| Browse (Äste, Laub: Weide, Buche, Haselnuss) | 2 bis 4 kg |
| Blattgemüse (Endivie, Romanasalat, Spinat) | 1 bis 2 kg |
| Obst (in Massen: Äpfel, Bananen, Beeren) | 0,5 bis 1 kg |
| Pellets (Primatenpellets) | 0,2 bis 0,3 kg |
| Nüsse (Walnüsse, Haselnüsse, Erdnüsse) | kleine Mengen als Enrichment |
| Eier, Joghurt | gelegentlich als Proteinquelle |
Wie bei Gorillas wird auch bei Schimpansen zunehmend auf eine Reduktion des Obstanteils geachtet, um Übergewicht und Diabetes vorzubeugen. Browse ist ein essenzieller Futterbestandteil, da das Entrinden und Abzupfen von Blättern die Tiere über Stunden beschäftigt.
Enrichment-Massnahmen für Schimpansen sind vielfältig und müssen regelmässig gewechselt werden, da sich Schimpansen schnell an wiederkehrende Reize gewöhnen. Neben den bereits beschriebenen Werkzeug-Aufgaben umfasst das Enrichment-Programm Puzzle-Feeder mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden, Geruchsanreize (Gewürze, Kräuter, Parfüm), neue Objekte zur Erkundung (Kartons, Spiegel, Decken), Malutensilien (einige Zoos bieten Schimpansen ungiftige Farben und Papier) und Medical Training als kognitives Enrichment.
EEP und Artenschutz
Das EEP für den Gemeinen Schimpansen koordiniert die Zucht und das Management von rund 700 Tieren in europäischen Zoos. Die Zuchtplanung berücksichtigt die genetische Herkunft der Tiere und strebt eine Maximierung der genetischen Diversität an. Da in der Vergangenheit Unterarten in Zoos gemischt wurden und die Unterartzugehörigkeit vieler Tiere unbekannt ist, wurde das EEP als artübergreifendes Programm angelegt.
Die Gruppenzusammenstellung in Schimpansengruppen ist besonders anspruchsvoll: Neue Tiere müssen über Wochen bis Monate schrittweise in eine bestehende Gruppe integriert werden, da es sonst zu schweren Aggressionen kommen kann. Die Integration beginnt mit akustischem und olfaktorischem Kontakt, gefolgt von visuellem Kontakt durch Gitter, dann beaufsichtigtem direktem Kontakt mit einzelnen Gruppenmitgliedern und schliesslich der Vollintegration. Dieser Prozess erfordert genaue Beobachtung und Kenntnis der individuellen Persönlichkeiten.
Viele Zoos engagieren sich über die Zucht hinaus in In-situ-Schutzprojekten. Das Jane-Goodall-Institut, das seit 1960 Schimpansen in Gombe (Tansania) erforscht, unterstützt community-basierte Naturschutzprogramme in mehreren afrikanischen Ländern. Zoos finanzieren Anti-Wilderei-Massnahmen, die Rehabilitation beschlagnahmter Schimpansen und die Wiederaufforstung zerstörter Lebensräume.
Quellen
- BMEL (2014): Gutachten über Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren. Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.
- EAZA (2024): EAZA Ex-situ Programme Overview. European Association of Zoos and Aquaria. www.eaza.net/conservation/programmes
- RZSS Edinburgh Zoo: Improving Chimp Behaviour With A Fission Fusion Management Process. www.rzss.org.uk
- Erlebnis-Zoo Hannover: Gemeiner Schimpanse. www.zoo-hannover.de
- Wilhelma Stuttgart: Das Menschenaffenhaus. www.wilhelma.de
- WWF: Schimpansen im Artenlexikon. www.wwf.de
- Goodall, J. (1986): The Chimpanzees of Gombe: Patterns of Behavior. Harvard University Press.
- Hosey, G., Melfi, V., Pankhurst, S. (2013): Zoo Animals: Behaviour, Management, and Welfare. 2. Auflage. Oxford University Press.
- IUCN Red List: Pan troglodytes. www.iucnredlist.org