Robben und Seelöwen im Zoo (Pinnipedia)

Robben gehören zu den faszinierendsten Meeressäugern in zoologischen Einrichtungen. Die Ordnung Pinnipedia umfasst drei Familien: Ohrenrobben (Otariidae), Hundsrobben (Phocidae) und Walrosse (Odobenidae). Die Haltung dieser hochspezialisierten Wassersäuger stellt besondere Anforderungen an die Gehegegestaltung, Wasserqualität, Ernährung und tiermedizinische Betreuung. Für Tierpfleger der Fachrichtung Zoo ist die Kenntnis der artspezifischen Bedürfnisse und der Unterschiede zwischen Ohren- und Hundsrobben essenziell.

Steckbrief: Häufig gehaltene Arten

Art Familie Gewicht Lebenserwartung (Zoo) Besonderheit
Kalifornischer Seelöwe (Zalophus californianus) Ohrenrobben Bullen bis 390 kg, Kühe bis 110 kg 25 bis 30 Jahre Sehr lernfähig, häufig in Showprogrammen
Seehund (Phoca vitulina) Hundsrobben 80 bis 120 kg 30 bis 35 Jahre Häufigste Robbenart in europäischen Zoos
Kegelrobbe (Halichoerus grypus) Hundsrobben Bullen bis 310 kg, Kühe bis 190 kg 25 bis 35 Jahre Größte Raubtierart Deutschlands
Südafrikanischer Seebär (Arctocephalus pusillus) Ohrenrobben Bullen bis 360 kg, Kühe bis 120 kg 20 bis 25 Jahre Dichtes Unterfell, gute Schwimmer

Unterschied Ohrenrobben und Hundsrobben

Ohrenrobben (Seelöwen, Seebären) besitzen sichtbare Ohrmuscheln und können ihre Hinterflossen nach vorne klappen, was ihnen eine aufrechte Fortbewegung an Land ermöglicht. Hundsrobben (Seehunde, Kegelrobben) haben keine äußeren Ohrmuscheln und bewegen sich an Land robbend fort. Dieser Unterschied hat direkte Auswirkungen auf die Gehegegestaltung: Ohrenrobben benötigen mehr strukturierte Landfläche mit Klettermöglichkeiten, Hundsrobben bevorzugen flache Ausstiegsbereiche.

Gehegeanforderungen

Die Haltung von Robben erfordert großzügige Wasseranlagen mit ausreichend Landfläche. Das Säugetiergutachten des BMEL und die EAZA Best Practice Guidelines geben die Mindestanforderungen vor.

Wasserbecken

Landfläche

Salzwasser vs. Süßwasser

Robben können in Süßwasser gehalten werden, da sie ihren Wasserbedarf über die Nahrung decken und nicht trinken. Die meisten Zoos verwenden Süßwasser, da die Wasseraufbereitung einfacher und kostengünstiger ist. Salzwasser bietet den Vorteil, dass es natürlicher ist und bestimmte Hauterkrankungen seltener auftreten. Bei Süßwasserhaltung ist auf eine ausreichende Supplementierung mit Kochsalz über das Futter zu achten.

Ernährung

Robben sind Carnivoren und ernähren sich hauptsächlich von Fisch. Die Fütterung muss artgerecht, qualitativ hochwertig und individuell angepasst sein.

Fischarten und Futterzusammensetzung

Fischart Fettgehalt Einsatz
Hering Hoch (8 bis 18 %) Hauptfutter im Winter, Energielieferant
Makrele Hoch (6 bis 16 %) Abwechslung, guter Geschmack
Sprotte Mittel (5 bis 12 %) Trainingsfutter, kleinere Portionen
Stint Niedrig (2 bis 5 %) Diätfutter, gewichtskontrollierende Fütterung
Tintenfisch Sehr niedrig (1 bis 2 %) Abwechslung, Medikamentenversteck

Vitamin-B1-Mangel (Thiaminmangel)

Bestimmte Fischarten (Hering, Sprotte, Makrele) enthalten das Enzym Thiaminase, das Vitamin B1 (Thiamin) abbaut. Bei ausschließlicher Fütterung mit diesen Fischarten kann ein schwerer Thiaminmangel entstehen, der zu neurologischen Symptomen (Ataxie, Krämpfe, Opisthotonus) und im schlimmsten Fall zum Tod führt. Die tägliche Supplementierung mit Vitamin B1 ist bei jeder Robbenhaltung zwingend erforderlich. Die Dosis beträgt je nach Art 25 bis 50 mg pro kg Fisch. Zusätzlich werden Vitamin E und ein Multivitaminpräparat im Fisch versteckt und mitverabreicht.

Training und Medical Training

Robben sind hochintelligent und lernfähig. Training ist kein reines Showprogramm, sondern ein unverzichtbares Werkzeug der modernen Tierhaltung. Durch Medical Training (kooperative Tiermedizin) können veterinärmedizinische Untersuchungen ohne Narkose und mit minimaler Belastung für das Tier durchgeführt werden.

Trainierbare Verhaltensweisen

Positive Verstärkung als Grundprinzip

Alles Training basiert auf positiver Verstärkung (operante Konditionierung). Erwünschtes Verhalten wird mit einem Brückensignal (Pfeife) markiert und mit Fisch belohnt. Aversive Methoden werden nicht eingesetzt. Trainingseinheiten dauern 5 bis 15 Minuten und werden mehrmals täglich durchgeführt. Jedes Tier hat einen individuellen Trainingsplan.

Fortpflanzung

Die Zucht von Robben im Zoo wird durch die jeweiligen EEP- oder EAZA-Programme koordiniert. Die Fortpflanzungsbiologie variiert zwischen den Arten erheblich.

Gesundheit und häufige Erkrankungen

Augenerkrankungen

Keratitis und Hornhauttrübung gehören zu den häufigsten Gesundheitsproblemen bei Robben in menschlicher Obhut. Ursachen sind UV-Strahlung, Wasserchemikalien (insbesondere Chlor), Bakterien und mechanische Reizungen. Regelmäßige Augenkontrollen und die Bereitstellung von Schattenplätzen sind essenziell. Die Behandlung erfolgt mit Augensalben und -tropfen, die idealerweise über Medical Training verabreicht werden.

Lungenwürmer

Lungenwürmer (Otostrongylus circumlitus, Parafilaroides spp.) sind bei Robben weit verbreitet und können schwere Atemwegserkrankungen verursachen. Symptome sind Husten, Dyspnoe und Nasenausfluss. Die Diagnose erfolgt über Kotuntersuchungen (Larvennachweis nach Baermann) und Röntgen. Regelmäßige Entwurmung (meist mit Ivermectin oder Fenbendazol) ist Teil des Gesundheitsmanagements.

Weitere Gesundheitsthemen

Wasseraufbereitung und Beckenhygiene

Die Wasserqualität ist der entscheidende Faktor für die Gesundheit der Robben. Die Aufbereitung muss kontinuierlich und kontrolliert erfolgen.

Filtersystem

Wasserparameter

Parameter Zielwert Prüffrequenz
pH-Wert 7,2 bis 7,8 Täglich
Freies Chlor 0,2 bis 0,5 mg/l Täglich
Ammoniak Unter 0,1 mg/l Wöchentlich
Nitrit Unter 0,1 mg/l Wöchentlich
Coliforme Keime Unter 100 KBE/100 ml Monatlich
Sichttiefe Mindestens 2 Meter Täglich visuell

Beckenhygiene bei Krankheitsfällen

Bei infektiösen Erkrankungen im Bestand kann eine vollständige Beckenentleerung und Desinfektion erforderlich sein. Die Tiere werden in diesem Fall in ein Ersatzbecken umgesetzt. Die Desinfektion erfolgt mit DVG-gelisteten Mitteln. Nach der Desinfektion muss das Becken gründlich gespült werden, bevor die Tiere zurückkehren. Das Filtersystem muss nach der Desinfektion neu eingefahren werden.

Quellen und weiterführende Literatur

Wissen testen: Robbe