Futterberechnung
Die korrekte Berechnung des Energiebedarfs ist eine der wichtigsten Aufgaben in der Tierpflege. Über- oder Unterversorgung mit Energie führt zu gesundheitlichen Problemen wie Adipositas, Leberverfettung, Mangelerscheinungen oder Wachstumsstörungen. Die Grundlage jeder Futterberechnung ist das metabolische Körpergewicht, aus dem der Ruheenergiebedarf (RER) und der Erhaltungsenergiebedarf (MER) abgeleitet werden.
Metabolisches Körpergewicht
Das metabolische Körpergewicht (auch metabolische Körpermasse genannt) berücksichtigt, dass der Energiebedarf nicht linear mit dem Körpergewicht steigt, sondern mit der Körperoberfläche korreliert. Große Tiere haben im Verhältnis zu ihrem Gewicht eine kleinere Oberfläche als kleine Tiere. Deshalb ist der Energiebedarf pro Kilogramm Körpergewicht bei kleinen Tieren höher als bei großen. Die Berechnung erfolgt über den Exponenten 0,75:
Metabolisches KG = KG0,75
Ein Tier mit 10 kg Körpergewicht hat ein metabolisches Gewicht von 100,75 = 5,62 kg. Ein Tier mit 100 kg hat ein metabolisches Gewicht von 1000,75 = 31,62 kg. Das Verhältnis ist also nicht 1:10, sondern 1:5,6. Dieser Zusammenhang wurde von Max Kleiber 1932 empirisch nachgewiesen und gilt für nahezu alle Säugetiere und Vögel.
Auf dem Taschenrechner berechnet man KG0,75 mit der Taste xy oder durch: KG0,75 = e(0,75 x ln(KG)). Alternativ kann man auch die Quadratwurzel aus der dritten Potenz des Körpergewichts berechnen, da 0,75 = 3/4 ist.
Resting Energy Requirement (RER)
Der RER (Ruheenergiebedarf) beschreibt den Energiebedarf eines Tieres in Ruhe, bei thermoneutraler Umgebung und im nüchternen Zustand. Der RER deckt nur die grundlegenden Körperfunktionen ab: Herzschlag, Atmung, Gehirnaktivität und Aufrechterhaltung der Körpertemperatur. Er entspricht dem basalen Stoffwechsel und ist vergleichbar mit dem Grundumsatz beim Menschen.
Allgemeine Formel (für alle Gewichtsklassen)
RER = 70 x KG0,75 (kcal/Tag)
Diese Formel gilt für alle Tiergrößen und ist die in der Veterinärmedizin am häufigsten verwendete Formel. Der Faktor 70 wurde empirisch ermittelt und gilt als Standardwert für Säugetiere. Für die Umrechnung in Kilojoule gilt: RER (kJ/Tag) = RER (kcal/Tag) x 4,184.
Vereinfachte Formel (für Tiere 2 bis 45 kg)
RER = KG x 30 + 70 (kcal/Tag)
Diese lineare Näherung ist einfacher zu berechnen und liefert im Bereich von 2 bis 45 kg Körpergewicht ähnliche Ergebnisse wie die allgemeine Formel. Außerhalb dieses Bereichs wird sie ungenau und sollte nicht verwendet werden. In der Prüfung sollte immer angegeben werden, welche Formel verwendet wurde.
Vergleich der beiden Formeln
| KG (kg) | RER allgemein (kcal) | RER vereinfacht (kcal) | Abweichung |
|---|---|---|---|
| 2 | 118 | 130 | +10% |
| 5 | 234 | 220 | -6% |
| 10 | 394 | 370 | -6% |
| 25 | 783 | 820 | +5% |
| 45 | 1189 | 1420 | +19% |
| 100 | 2212 | 3070 | +39% |
Maintenance Energy Requirement (MER)
Der MER (Erhaltungsenergiebedarf) ist der tatsächliche Energiebedarf unter Berücksichtigung des Aktivitätslevels, des physiologischen Zustands und der Umgebungsbedingungen. Der MER ist immer höher als der RER, weil Tiere sich bewegen, Nahrung verdauen und auf Umweltreize reagieren.
MER = RER x Aktivitätsfaktor
Der Aktivitätsfaktor ist ein Multiplikator, der den zusätzlichen Energiebedarf über den Ruhebedarf hinaus abbildet. Die folgende Tabelle zeigt die gängigen Faktoren:
Aktivitätsfaktoren
| Zustand | Faktor | Erläuterung |
|---|---|---|
| Ruhend / Käfighaltung | 1,0 | Tier in Narkoseruhe oder strenger Käfighaltung, kaum Bewegung |
| Normale Aktivität | 1,2 bis 1,4 | Tier in Gehege mit normaler Bewegung, keine besondere Belastung |
| Aktiv / viel Bewegung | 1,6 bis 2,0 | Tier in großem Gehege mit viel Bewegung, Arbeitshunde, aktive Wildtiere |
| Wachstum (Jungtiere bis 4 Monate) | 2,5 bis 3,0 | Jungtiere in der intensivsten Wachstumsphase |
| Wachstum (Jungtiere ab 4 Monate) | 2,0 bis 2,5 | Jungtiere in abflachender Wachstumsphase |
| Trächtig (erste zwei Drittel) | 1,1 bis 1,2 | Leicht erhöhter Bedarf durch Fötusentwicklung |
| Trächtig (letztes Drittel) | 1,2 bis 1,3 | Stärkeres Fötuswachstum, erhöhter Bedarf |
| Laktierend (wenige Jungtiere) | 2,0 bis 3,0 | Milchproduktion für ein bis zwei Jungtiere |
| Laktierend (viele Jungtiere) | 4,0 bis 6,0 | Milchproduktion für große Würfe, z.B. Wildschwein |
| Gewichtszunahme gewünscht | 1,2 bis 1,8 | Untergewichtige oder rekonvaleszente Tiere |
| Gewichtsabnahme gewünscht | 0,8 bis 1,0 | Übergewichtige Tiere mit reduzierter Energiezufuhr |
Futtermittel-Zusammensetzung (Weender Analyse)
Die Zusammensetzung von Futtermitteln wird in der Tierernährung nach dem Weender Analyseverfahren angegeben. Die Deklaration auf Futtermittelverpackungen basiert auf diesem System. Die folgenden Fraktionen werden unterschieden:
| Fraktion | Abkürzung | Bedeutung | Typischer Anteil |
|---|---|---|---|
| Rohprotein | Rp | Gesamtstickstoff x 6,25; enthält alle stickstoffhaltigen Verbindungen | 20 bis 40% (Fleischfutter) |
| Rohfett | Rfe | Alle fettlöslichen Substanzen (Fette, Öle, Wachse) | 5 bis 20% |
| Rohfaser | Rfa | Schwer verdauliche Pflanzenfasern (Zellulose, Lignin) | 1 bis 5% (Fleischfresser), 15 bis 30% (Pflanzenfresser) |
| Rohasche | Ra | Mineralstoffgehalt; Rückstand nach Verbrennung bei 550°C | 5 bis 10% |
| Stickstofffreie Extraktstoffe | NfE | Berechnet: 100% - (Rp + Rfe + Rfa + Ra + Wasser) | 20 bis 50% |
| Wasser / Feuchtigkeit | H2O | Feuchtigkeitsgehalt des Futters | 10 bis 80% |
Trockensubstanz vs. Frischsubstanz
Nährstoffgehalte können entweder bezogen auf die Frischsubstanz (wie im Futter enthalten) oder auf die Trockensubstanz (TS, nach Entfernung des Wassers) angegeben werden. Die Umrechnung ist wichtig, um Futtermittel mit unterschiedlichem Wassergehalt vergleichen zu können.
Trockensubstanz (%) = 100% - Wassergehalt (%)
Nährstoff in TS (%) = Nährstoff in Frischsubstanz (%) / Trockensubstanz (%) x 100
Beispiel: Ein Nassfutter enthält 8% Rohprotein bei 80% Wassergehalt. Die Trockensubstanz beträgt 20%. Der Proteingehalt in der Trockensubstanz ist: 8% / 20% x 100 = 40%. Ein Trockenfutter mit 30% Rohprotein bei 10% Wassergehalt hat in der TS: 30% / 90% x 100 = 33,3%. Das Nassfutter hat also bezogen auf die Trockensubstanz sogar einen höheren Proteingehalt.
Energiegehalt der Nährstoffe
| Nährstoff | Bruttoenergie | Umsetzbare Energie (ca.) |
|---|---|---|
| Rohprotein | 23,9 kJ/g (5,7 kcal/g) | 14,6 kJ/g (3,5 kcal/g) |
| Rohfett | 39,8 kJ/g (9,5 kcal/g) | 35,6 kJ/g (8,5 kcal/g) |
| Kohlenhydrate (NfE) | 17,5 kJ/g (4,2 kcal/g) | 14,6 kJ/g (3,5 kcal/g) |
Interaktiver Rechner: Energiebedarf
Beispielaufgaben
Aufgabe 1: Rotfuchs mit normaler Aktivität
Ein Rotfuchs wiegt 7 kg und zeigt normale Aktivität (Faktor 1,4). Berechne den täglichen Energiebedarf in kcal und kJ.
Lösung:
Metabolisches KG = 70,75 = 4,30 kg0,75
RER = 70 x 4,30 = 301,0 kcal/Tag
MER = 301,0 x 1,4 = 421,4 kcal/Tag
MER in kJ = 421,4 x 4,184 = 1.763 kJ/Tag
Antwortsatz: Der tägliche Energiebedarf des Rotfuchses beträgt rund 421 kcal bzw. 1.763 kJ.
Aufgabe 2: Laktierende Wölfin
Eine laktierende Wölfin wiegt 35 kg und säugt 6 Welpen (Faktor 4,0). Wie hoch ist der Energiebedarf?
Lösung:
Metabolisches KG = 350,75 = 14,42 kg0,75
RER = 70 x 14,42 = 1.009,4 kcal/Tag
MER = 1.009,4 x 4,0 = 4.037,6 kcal/Tag
MER in kJ = 4.037,6 x 4,184 = 16.893 kJ/Tag
Antwortsatz: Die laktierende Wölfin benötigt rund 4.038 kcal bzw. 16.893 kJ pro Tag.
Aufgabe 3: Junger Waschbär in Wachstumsphase
Ein junger Waschbär wiegt 3 kg und befindet sich in der intensiven Wachstumsphase (Faktor 2,5). Berechne den Bedarf mit beiden Formeln.
Lösung mit allgemeiner Formel:
RER = 70 x 30,75 = 70 x 2,28 = 159,6 kcal/Tag
MER = 159,6 x 2,5 = 399,0 kcal/Tag = 1.669 kJ/Tag
Lösung mit vereinfachter Formel:
RER = 3 x 30 + 70 = 160 kcal/Tag
MER = 160 x 2,5 = 400 kcal/Tag = 1.674 kJ/Tag
Antwortsatz: Beide Formeln liefern nahezu identische Ergebnisse. Der junge Waschbär benötigt rund 400 kcal pro Tag.
Aufgabe 4: Trockenfutter vs. Nassfutter
Ein Trockenfutter enthält 25% Rohprotein bei 10% Feuchtigkeit. Ein Nassfutter enthält 10% Rohprotein bei 75% Feuchtigkeit. Welches Futter hat den höheren Proteingehalt bezogen auf die Trockensubstanz?
Lösung:
Trockenfutter: TS = 100% - 10% = 90%. Protein in TS = 25% / 90% x 100 = 27,8%
Nassfutter: TS = 100% - 75% = 25%. Protein in TS = 10% / 25% x 100 = 40,0%
Antwortsatz: Das Nassfutter hat mit 40% einen deutlich höheren Proteingehalt in der Trockensubstanz als das Trockenfutter mit 27,8%.
Aufgabe 5: Futtermenge berechnen
Ein Eurasischer Luchs wiegt 22 kg und hat einen MER von 630 kcal/Tag (Faktor 1,4). Das verwendete Fleischfutter hat einen Energiegehalt von 1,5 kcal/g. Wie viel Gramm Futter benötigt der Luchs täglich?
Lösung:
RER = 70 x 220,75 = 70 x 10,32 = 722,4 kcal/Tag
MER = 722,4 x 1,4 = 1.011,4 kcal/Tag
Futtermenge = 1.011,4 kcal / 1,5 kcal/g = 674,3 g
Antwortsatz: Der Luchs benötigt täglich rund 674 g Fleischfutter.
Aufgabe 6: Afrikanischer Elefant
Ein Afrikanischer Elefantenbulle wiegt 5.500 kg und hat normale Aktivität (Faktor 1,3). Berechne den täglichen Energiebedarf.
Lösung:
Metabolisches KG = 5.5000,75 = 589,7 kg0,75
RER = 70 x 589,7 = 41.279 kcal/Tag
MER = 41.279 x 1,3 = 53.663 kcal/Tag = 224.526 kJ/Tag
Antwortsatz: Der Elefant benötigt rund 53.663 kcal (224.526 kJ) pro Tag. Das entspricht etwa 1% seines Körpergewichts an Trockenfutter täglich.
Aufgabe 7: Spitzmaus
Eine Hausspitzmaus wiegt 8 g (= 0,008 kg). Berechne den RER und den MER bei hoher Aktivität (Faktor 2,0).
Lösung:
Metabolisches KG = 0,0080,75 = 0,0151 kg0,75
RER = 70 x 0,0151 = 1,06 kcal/Tag
MER = 1,06 x 2,0 = 2,12 kcal/Tag
Pro Gramm Körpergewicht: 2,12 / 8 = 0,265 kcal/g/Tag
Antwortsatz: Die Spitzmaus benötigt rund 2,1 kcal pro Tag. Pro Gramm Körpergewicht ist das 33-mal mehr als beim Elefanten (53.663 / 5.500.000 = 0,0098 kcal/g/Tag). Dieses Beispiel veranschaulicht eindrucksvoll die Oberflächenregel.
Häufige Fehler bei der Futterberechnung
1. Verwechslung von kcal und kJ: 1 kcal = 4,184 kJ. Ein Ergebnis in kJ ist immer etwa 4-mal so groß wie in kcal.
2. Falsches Gewicht eingesetzt: Das Körpergewicht muss immer in Kilogramm eingesetzt werden. 500 g = 0,5 kg, nicht 500.
3. Vereinfachte Formel außerhalb des Gültigkeitsbereichs: Die Formel KG x 30 + 70 gilt nur für 2 bis 45 kg.
4. Verwechslung von Frischsubstanz und Trockensubstanz beim Vergleich von Futtermitteln.
Prüfungshinweis
In der Prüfung wird häufig verlangt, den vollständigen Rechenweg aufzuschreiben und das Ergebnis in einem Antwortsatz zu formulieren. Die RER-Formel (70 x KG0,75) und die Aktivitätsfaktoren sollten auswendig beherrscht werden. Typische Prüfungsaufgaben kombinieren die Energiebedarfsberechnung mit der Futtermengenberechnung.
Quellen: NRC (National Research Council), Nutrient Requirements of Dogs and Cats (2006); Veterinärmedizinische Universität Wien, Grundlagen der Tierernährung; Hand, Thatcher et al., Small Animal Clinical Nutrition, 5th Edition